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Nationalsozialismus und Musikwissenschaft : Im langen Schatten deutscher Musik

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Mittäter im NS-Regime? der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht Bild: Internationale Bachakademie Stuttgart

War der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht in NS-Massenexekutionen verstrickt? Und wie stark würde dies sein Werk beschädigen? Nicht die individuelle Verfehlung, sondern der auf Deutschland beschränkte Blick vieler Musikwissenschaftler ist das Problem, meint Friedrich Geiger.

          In der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ veröffentlichte der Musikwissenschaftler und Journalist Boris von Haken einen Artikel, worin er den Musikhistoriker Hans Heinrich Eggebrecht als Mittäter bei einer Massenerschießung von rund 14.000 Menschen nennt. Sie ereignete sich am 9., 11., 12. und 13. Dezember 1941 auf der Halbinsel Krim, etwas außerhalb der Hauptstadt Simferopol. Haken schreibt, Eggebrecht sei „an allen Stadien, an allen Phasen der Ermordung der Juden in Simferopol beteiligt“ gewesen.

          Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den Haken am 17. September auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung in Tübingen gehalten hat. Der Vortrag löste heftige Reaktionen aus, viele Musikwissenschaftler waren erschüttert: Eine ihrer Koryphäen, bisher vollkommen unverdächtig, scheint als Mörder enttarnt. Die Stimmen derer, die sich nun von Eggebrecht und seinem wissenschaftlichen Werk distanzieren, mehren sich. Doch auch skeptische Töne sind zu vernehmen.

          Kein eindeutiger Beweis

          Mit den gebotenen Skrupeln formuliert: Die Befunde, die Haken bisher mitgeteilt hat, könnten darauf hindeuten, dass Eggebrecht bei dem Massaker an mindestens einem Tag anwesend war. Doch einen eindeutigen Beweis gibt es dafür bisher nicht. Erst recht ist vollständig unklar, was Eggebrecht in Simferopol sah, tat oder unterließ. Haken scheint nachweisen zu können, das Eggebrecht zwischen Februar 1940 und Ende August 1942 der 2. Kompanie der Feldgendarmerieeinheit 683 zugeteilt war. Diese Kompanie wurde anscheinend an mindestens einem Tag der Mordaktion vollständig hinzukommandiert, wobei Haken bislang für diese Angabe keinen Beleg vorgelegt hat. Dass sich Eggebrecht zwischen dem 9. und 12. Dezember 1941 überhaupt in Simferopol und damit unter den Männern dieses Kommandos befand, ist somit wahrscheinlich, aber nicht gewiss.

          Dass Hakens Umgang mit den Quellen gelegentlich problematisch ist, zeigt seine Auswertung einer Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft München im Jahr 1964. Haken möchte belegen, dass Eggebrecht dem 3. Zug der 2. Kompanie angehörte. Hierfür zitiert er einen ehemaligen Soldaten dieser Kompanie, der sich an Namen von Kameraden erinnert: „Eggebrecht Heiner, wurde mit mir Unteroffizier in Simferopol, müsste aus der thüringer Gegend gestammt haben, sein Vater war dort Pfarrer“. „Mit dieser Aussage“, so Haken, „war es möglich, Eggebrecht gesichert zu identifizieren.“ Doch Haken zitiert den Kontext dieser Aussage nicht, der aber entscheidend ist. Laut Protokoll (Staatsarchiv München, Staanw 21767/5) sagte der Zeuge nämlich, er könne „noch folgende Feldgendarmen benennen, die möglicherweise bei mir mit im 3. Zug waren“, worauf dann an zweiter Stelle Eggebrechts Name fällt. Eggebrecht ist folglich keineswegs „gesichert“ als Angehöriger des 3. Zuges zu identifizieren, sondern nur „möglicherweise“.

          Solange sich keine eindeutigen Belege für Eggebrechts Anwesenheit bei der Massenerschießung beibringen lassen, ist die Anschuldigung, er sei „an allen Stadien, an allen Phasen der Ermordung der Juden in Simferopol beteiligt“ gewesen, nicht zu rechtfertigen. Hinzu kommt, dass Haken für seine Rekonstruktion der Massenexekutionen in Simferopol bisher keine detaillierten Belege geliefert hat. Er verweist pauschal auf Ermittlungsakten deutscher Staatsanwaltschaften im Bundesarchiv Ludwigsburg, aus denen die Mitwirkung der Feldgendarmerieeinheit 683 in der von ihm geschilderten Weise hervorzugehen scheint. Man darf also auf sein für Frühjahr 2010 angekündigtes Buch über den Fall gespannt sein, mit dem dann auch die Quellen zur Diskussion stehen. Bis dahin muss der Grundsatz gelten: in dubio pro reo.

          Verengter Blick?

          Unabhängig davon, ob sich Eggebrechts Anwesenheit bei den Greueltaten in Simferopol zweifelsfrei belegen lassen wird, hat man sich mit Hakens Forschungen zur NS-Vergangenheit des jungen Eggebrecht auseinanderzusetzen, mit denen er seine Hauptthese stützt. Danach stammte der Musikwissenschaftler aus einem völkisch denkenden Elternhaus und schloss sich 1937, also als Achtzehnjähriger, dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an. Ferner blieb er der Hitlerjugend auch nach Ablauf der Pflichtzeit als Musikreferent verbunden, bis er 1938 zum Studium nach Berlin wechselte. Dass er die Mitgliedschaft in NS-Organisationen verschwieg, bestürzt Freunde, Kollegen und Schüler, die davon nichts ahnten und sich nun getäuscht fühlen. Doch was bedeutet, über die menschliche Ebene hinaus, die NS-Vergangenheit des jungen Eggebrecht für seine wissenschaftlichen Arbeiten, die ja erst nach dem Krieg verfasst wurden?

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