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Nationalpark Schwarzwald : Kretschmanns Überbau

Naturnaher Holzstapel in einer von Menschenhand geformten Landschaft: das neue Nationalparkzentrum am Ruhestein im Nordschwarzwald Bild: Picture-Alliance

Baumhaus der Erde im Stammland der CDU: Das Besucherzentrum für den Nationalpark Schwarzwald steht für architektonische Achtsamkeit und hybride Naturpädagogik.

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          Der Wald ist weiblich. Und philosophisch bis esoterisch gestimmt. „Ein Augenblick ist für mich gleichzeitig auch Ewigkeit“, säuselt eine Frauenstimme, die sich als „Ich, der Wald“ vorstellt, am Eingang zur Dauerausstellung im neuen Nationalparkzentrum Schwarzwald. „Alles fließt durch mich hindurch.“ Von wegen fließen, es tröpfelt: Seit Wochen betriebsbereit, von Corona aber stillgestellt, dürfen jetzt einige wenige Besucher das Zentrum betreten, das Ministerpräsident Winfried Kretschmann schon im Oktober den Betreibern feierlich übergeben hatte.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Der einstige Biologielehrer Kretschmann war auch bei der Grundsteinlegung dabei. Der Nationalpark Schwarzwald ist schließlich das Prestigeprojekt schlechthin der grün geführten Landesregierung von Baden-Württemberg. Gegen immer noch nicht ganz überwundene Widerstände von Waldbesitzern, Jägern und anderen einstigen CDU-Stammwählern mit überwiegend robustem Verhältnis zum Wald im Jahr 2014 gegründet, fehlte ihm noch der große pädagogische Überbau. Das Besucherzentrum im schmucken Sitz der Parkverwaltung, einer ehemaligen Hoteliersvilla, erwies sich rasch als zu klein für die hochgewachsenen Ambitionen, den Menschen die Natur – oder genauer: die Menschen dem, was sich aus einem Forst wieder zur Natur entwickeln soll – nahezubringen. Und so wurde der Bau eines großzügigen neuen Besucherzentrums beschlossen, und zwar an der Passhöhe Ruhestein an der Schwarzwaldhochstraße auf halbem Weg zwischen Baden-Baden und Freudenstadt. Geld spielte keine große Rolle: Etwa 37 Millionen Euro hat der Bau gekostet, deutlich mehr als ursprünglich veranschlagt.

          Landschaftsschaden kompensiert

          Auch der Boombranche Naturschutz gelingt es also nicht, der Wachstumslogik zu entgehen; ihre Protagonisten halten es für nötig, für die Verbreitung ihrer Anliegen Flächen zu versiegeln, immer in der Erwartung, dass diese Investition eine schöne Rendite in Form eines höheren allgemeinen Umweltbewusstseins abwirft und dadurch den Landschaftsschaden um ein Vielfaches kompensiert.

          Die Paradoxie ihres Handelns ist den Akteuren bewusst. Weshalb die Teilnehmer des Architektenwettbewerbs für das Nationalparkzentrum im Jahr 2015 vor der anspruchsvollen Aufgabe standen, das Großprojekt gleichzeitig markant und dezent zu gestalten. Den Wettbewerb gewann das Büro Sturm und Wartzeck mit Sitz in Dipperz in der Nähe von Fulda. Es setzte sich mit einem Entwurf von beinahe gegenständlicher Bildhaftigkeit in der Großform und eilfertiger Assimilation in der Materialität durch: Der Bau besteht aus acht teilweise weit auskragenden Riegeln, die scheinbar wild übereinanderliegen wie umgekippte Baumstämme in einem naturbelassenen Wald, in dem Stürme Mikado spielen. Als ein fernes Echo klingt aber auch das VitraHaus von Herzog & de Meuron in Weil am Rhein an.

          Die Nachahmung der Natur wird zum Glück nicht so weit getrieben, dass die Riegel eine unregelmäßige Rundform hätten, sie kommen stattdessen als Vierkanthölzer daher. Die Fassade besteht weitgehend aus Schindeln, und auch sonst wurde bis ins statisch überaus anspruchsvolle Tragwerk (Schlaich Bergermann Partner) hinein so weit als möglich Holz verwendet, das vorzugsweise aus der Region stammt. Dass Büropartnerin Susanne Wartzeck inzwischen zur Präsidentin des Bunds Deutscher Architektinnen und Architekten gewählt wurde und in dieser Eigenschaft die Wende hin zu einer nachhaltigeren Architektur unter dem Schlagwort „Bauhaus der Erde“ entschieden voranzutreiben versucht, fügt sich ins Bild.

          Sentimentaler Aufwand

          Diese Haltung hat sich bis in die Bauausführung fortgesetzt. Die Bäume auf dem Bauplatz wurden nach ihrem ökologischen Wert kategorisiert, um die wertvolleren Exemplare zu schonen. Als der Skywalk zwischen Hauptgebäude und schräg stehendem Aussichtsturm mithilfe eines riesigen Krans installiert wurde, bog man im Weg stehende Baumkronen mit großem Aufwand beiseite, um die Bäume nicht fällen zu müssen. Manche Handwerker schüttelten angesichts dieses sentimentalen Aufwands den Kopf, berichtet Ursula Pütz, die Leiterin des Zentrums.

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