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Nationaler Bildungsrat : „Berliner Abitur“ für alle?

Hier soll Leistung noch zählen: Bayern will sein eigenes Abitur behalten. Bild: dpa

Bayern und Baden-Württemberg sind aus dem Nationalen Bildungsrat ausgestiegen. Damit rückt ein vergleichbares Abitur im ganzen Land in weite Ferne. Die Föderalisten aus dem Süden haben aber gute Gründe für ihren Schritt.

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          Den Vorwurf der „Kleinstaaterei“ handelt sich schnell ein, wer auf die Vorzüge des Bildungsföderalismus verweist. Wettbewerb belebt das Geschäft – aber auch die Bildungslandschaft?

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der Ruf der Schulen könnte in den Bundesländern nicht unterschiedlicher sein. Wer in Bayern Abitur gemacht hat, kann über ein Bremer Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife nur müde lächeln. Wer in Hamburg die Schule abschließt, kann sich immer noch glücklicher schätzen als ein Berliner Abiturient, dem schnell nachgesagt wird, in der Hauptstadt der größten Bildungsmisere seine Noten hinterhergeworfen bekommen zu haben.

          Ist aber deshalb, wer nicht überall alles gleich machen will, kleinlich und ein rückständiger Förderer der Kleinstaaterei? Solcherlei musste sich CSU-Chef Markus Söder vom Deutschen Kulturrat anhören, nachdem er dem bildungspolitischen Großprojekt der großen Koalition den Garaus gemacht hatte: Bayern werde den Nationalen Bildungsrat verlassen. Baden-Württemberg tat es ihm gleich: Die beiden süddeutschen Länder und Bildungsvorreiter der Republik ziehen sich aus den Verhandlungen zurück.

          Am Ende sind alle auf einem niedrigeren Stand

          Das Ziel des Nationalen Bildungsrats, in dem sich Experten und Vertreter aus Bund und Ländern zusammensetzen sollten, um gemeinsame Mindeststandards zu suchen, war vor allem eine bessere Vergleichbarkeit des Abiturs. Doch so plausibel das klingt, hier fangen schon die Probleme an. Denn wenn die Unterschiede in der Bildungsqualität so gravierend sind und die schulischen Anforderungen allem Anschein nach in Bayern und Baden-Württemberg so viel höher als in den meisten anderen Bundesländern, dürfte es schwierig werden, gemeinsame Standards zu finden, welche die Besten nicht nach unten ziehen. „Es bringt nichts, wenn am Ende alle auf einem niedrigeren Stand sind“, sagte Söder und erntete damit massive Kritik von den Sozialdemokraten und den Grünen.

          Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) erklärte, der Öffentlichkeit sei nicht zu vermitteln, den Nationalen Bildungsrat erst einzufordern und nun „unter fadenscheinigen Vorwänden zu beerdigen“. Er übersieht dabei, dass die zentralen Vermittlungsprobleme an ganz anderer Stelle bestehen. Deutschlands Schüler – auch die in Bayern und Baden-Württemberg, wenngleich im Durchschnitt sicherlich auf höherem Niveau – werden immer schlechter ausgebildet. Sie haben das Abitur, oftmals sogar mit einem guten Notenschnitt, und können trotzdem nicht fehlerfrei schreiben, rechnen, konzentriert lesen. Ihre Leistungsbilanzen fallen regelmäßig katastrophal aus. Ob nun ein Nationaler Bildungsrat eingeschaltet wird oder nicht, dürfte für die Öffentlichkeit – und zwar aus Sicht sowohl der Eltern als auch der Lehrer, Hochschullehrer und späteren Arbeitgeber – zweitrangig sein, solange die Allgemeine Hochschulreife ihren Namen nicht mehr wert ist und der nachweisbare Bildungsverfall fortschreitet.

          Welche Bildung wollen wir?

          Wenn Söder sich dagegen wehrt, dass am Ende alle ein „Berliner Abitur auf niederem Niveau“ bekommen, mag das „typisch bayerisch“ klingen – in der Sache aber liegt er damit nicht falsch. Wie weit die Schulen von einem hohen Leistungsniveau und die Schüler (manchmal auch die Lehrer) von einem selbstkritischen Bewusstsein ihrer Leistungsdefizite entfernt sind, zeigten zuletzt eindrücklich – den vermeintlichen Segnungen des Zentralabiturs sei Dank – die bundesweiten Proteste der Abiturienten gegen das angeblich zu schwere Mathematik-Abitur.

          Dennoch bezweifelt kaum jemand, dass gegen die enormen Leistungsdifferenzen zwischen den Bundesländern etwas getan werden muss. So bleibt die Hoffnung auf den „Länderstaatsvertrag“, der mehr Vergleichbarkeit und Qualität garantieren soll, ohne die Bildungshoheit der Länder anzutasten.

          Dabei geht es in diesen Fragen nicht nur um Spitzfindigkeiten des deutschen Föderalismus. Es geht darum, welche Bildung wir wollen – und was wir darunter verstehen. Klarheit muss endlich darüber erlangt werden, wie viel Ungleichheit die Bildungslandschaft verträgt – und was die Kosten der Gleichheit sind, wenn sie in den Schulen Realität werden soll. Die deutschen Universitäten haben mit der Bologna-Reform vorgeführt, welche Folgen die radikale Durchsetzung einer flächendeckenden Vereinheitlichung der Standards hat. Der Verwaltungsaufwand ist gigantisch, die Leistungsanforderungen sind drastisch gesunken, der Forschungsbetrieb wird inhaltlich ausgehöhlt. Im Kampf um den deutschen Bildungsföderalismus könnte das den Verantwortlichen eine Warnung sein.

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