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„Doschd-TV“-Chefin Sindejewa : Für einen unabhängigen Sender waren wir zu beliebt

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Ausgezeichnet: Die russische Journalistin und Chefin des unabhängigen Fernsehsenders „Doschd“, Natalja Sindejewa, auf der Internationalen Medienkonferenz M100 Bild: dpa

Vom etablierten Privatsender zum oppositionellen Abo-Kanal: Der russische Sender „Doschd-TV“ kämpft um die Freiheit und das Überleben. Ein Gespräch mit seiner Leiterin Natalja Sindejewa.

          Gerade kommt Natalja Sindejewa aus Moskau. Sie leitet „Doschd-TV“, einen Sender, den die russische Regierung bedroht. Aufgeben will Natalja Sindejewa nicht. Dafür bekam sie in Potsdam einen Preis.

          Frau Sindejewa, das Motto Ihres Fernsehsenders „Doschd“ ist: „Wir reden über wichtige Dinge mit Menschen, die uns wichtig sind.“ Wer sind diese Menschen?

          Uns sind die Menschen wichtig, die noch denken. Die sich noch leidenschaftlich für Dinge interessieren. Für diese Menschen arbeiten wir seit sieben Jahren, und es ist sehr wichtig für uns, sie nicht im Stich zu lassen.

          Bis 2014 war Doschd ein etablierter Privatsender, der hochrangige Politiker zu Gast hatte. Wann kam die Wende?

          Damals waren wir die größte Plattform, auf der sich Menschen mit unterschiedlichen Meinungen öffentlich austauschen und auch streiten konnten. Dass ein unabhängiger Sender so beliebt war und so viele Menschen erreichte, wurde aber anscheinend nicht gern gesehen, und 2014 kündigte der Kabelanbieter plötzlich alle Vereinbarungen. Wir verloren auf einen Schlag einen Großteil unserer Finanzierung und mussten uns extrem verkleinern. Heute leben wir von unseren Abonnenten.

          Gibt es noch andere Geldquellen?

          65 Prozent unserer Einnahmen kommen von den Abonnenten, 15 Prozent durch Werbeanzeigen, vor 2014 waren das 95 Prozent. Und bis zu 20 Prozent kommen von den Inhalten, die an ausländische Fernsehsender verkauft werden.

          In den vergangenen Jahren wurden in Russland diverse Mediengesetze erlassen. Wer religiöse Gefühle verletzt, muss etwa mit Geldstrafen und Haft rechnen. Dasselbe gilt für vermeintliche Aufrufe zum Extremismus. Wie belastet das Ihre Arbeit?

          Die neuen Gesetze haben uns das Leben sehr viel schwerer gemacht. Das Problem ist, dass es einfach zu viele davon gibt und Medienvertreter durch alle möglichen Schlupflöcher angreifbar geworden sind. Auch Journalisten machen manchmal Fehler, und Doschd wird von der Regierung natürlich besonders stark kontrolliert. Wir können dem nichts entgegensetzen, sondern versuchen einfach, im Rahmen dieser Gesetze so gut wie möglich zu arbeiten.

          Welche Rolle spielen Ihre Zuschauer?

          Ohne unsere Zuschauer würde es uns heute nicht mehr geben. Gleich nachdem die Kabelverträge gekündigt wurden, haben wir eine Spendenaktion gestartet, mit der wir uns erst mal über Wasser halten konnten. Jetzt, viel mehr als früher, legen wir großen Wert auf den Dialog mit unseren Zuschauern. Das Gute am Internet ist ja, dass wir das Feedback dort in Echtzeit kriegen. Auf diesen Austausch legen wir großen Wert, denn das sind schließlich die Menschen, für die wir arbeiten.

          Auf der Rangliste zur Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Russland auf Platz 148 von 180. Wie stimmt Sie diese Nachricht?

          Traurig. Das Schlimmste ist aber, dass ich nicht das Gefühl habe, dass die Mehrheit der russischen Gesellschaft darin ein Problem sieht.

          Wieso glauben Sie das?

          In der russischen Geschichte wurde Journalismus lange Zeit durch Propaganda ersetzt. Deswegen sehen die meisten Menschen nach wie vor keinen Sinn darin. Für sie sind Journalisten Werkzeuge des Staates oder der Oligarchen. Wenn man diesen Menschen erklärt, dass Journalismus eine kritische Funktion hat, Autoritäten in Frage stellen und aufdecken soll, was in der Gesellschaft passiert, reagieren viele immer noch ungläubig.

          Wie geht es Ihrer Ansicht nach weiter?

          Ich weiß, dass die offiziellen Prognosen schlecht sind, aber Doschd ist ein optimistischer Sender. Ich muss daran glauben, dass sich die Situation verbessern wird.

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          2014 haben Sie versucht, ein Treffen mit Wladimir Putin zu organisieren. Was wollten Sie ihm sagen?

          Als ich mich um das Treffen bemüht habe, stand Doschd kurz vor dem Aus. Für mich war es ein sehr emotionales Anliegen, Wladimir Putin persönlich davon zu erzählen. Ich war überzeugt, dass allein Putin den Sender noch hätte retten können. Jetzt denke ich anders und sehe nicht mehr viel Sinn in einem Treffen. Wenn es aber doch dazu käme, würde ich ihm sagen, wie ich mich fühle, als eine russische Bürgerin, die Russland liebt und will, dass sich das Land weiterentwickeln kann. Ich würde diesen Wunsch mit der Perestroika vergleichen, als wir in den neunziger Jahren plötzlich freie Luft atmen konnten.

          In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie sich persönlich immer frei fühlen. Auch heute noch?

          Ja! Es ist eine innere Freiheit, die mir keiner nehmen kann. Um es mit einem russischen Sprichwort zu sagen: Man kann diese Freiheit nicht wegtrinken. Sie ist ein Teil von mir und durch nichts zu ersetzen.

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