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Narzissmus : Ich kam, ich sah, ich wirke!

Benvenuto Cellinis marmorner Narziss aus dem Jahr 1548 Bild: picture-alliance / akg-images / Rabatti - Domingie

Jede Zeit sucht sich die Krankheit, die zu ihr passt: Nach dem Ausgebrannten betritt nun der Narzisst die Bühne. Seine Hemmungslosigkeit ist nicht sein einziges Problem.

          Bislang galt Burnout als das charakteristische Krankheitsbild unserer Zeit. Mittlerweile aber wird man den Eindruck nicht mehr los, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung dem Burnout diesen Rang gerade streitig macht. Wohin man blickt, überall begegnen einem Narzissten. Ein paar willkürlich aus dem Medienalltag herausgegriffene Schlagzeilen zeigen, wie beliebig der Narzissmus-Begriff verwendet wird: „Bei Tattoos spielt Narzissmus eine große Rolle“, „Selbstbezogen und eitel: Diese Frage entlarvt Narzissten“, „Psychopathen und Narzissten träumen oft von Sex“, „Burnout für Narzissten“ und „Der Foto-Quickie mit sich selbst: Sind wir zu narzisstisch geworden?“ Denken wir uns den Foto-Quickie einmal weg, ist das eine wichtige Frage, nur büßt sie durch die inflationäre Begriffsverwendung ihre Dringlichkeit ein. Uli Hoeneß gilt als Narzisst, Bernd Lucke, Chef der AfD, auch, ebenso Thomas Middelhoff, die RTL-Dschungelcamper und natürlich Dieter Bohlen, wobei sich die Liste seitenlang fortschreiben ließe.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie beim Burnout winkt man reflexhaft ab. Nicht schon wieder! Aber wissen wir wirklich, was ein Narzisst ist? Die meisten werden an eine starke Ich-Fixierung denken, an jemanden, der oft sehr lange vor dem Spiegel steht, am liebsten über sich spricht und jede Möglichkeit nutzt, Aufmerksamkeit zu erregen. Der Duden beschreibt den Narzisst als „jemand, der (erotisch) nur auf sich selbst bezogen ist“. Damit hat sich die Sache.

          In der narzisstischen Sackgasse

          Aber wo bleibt die pathologische Dimension? Wo wird, nachdem das Etikett erst verteilt ist, ernsthaft die Frage nach dem zerstörerischen Potential der narzisstischen Persönlichkeitsstörung gestellt, das ja schon im griechischen Mythos des Narziss offen zutage tritt? Zur Erinnerung: Narziss, ein schöner, begehrter Jüngling, verschmäht rüde jeden, der sich ihm liebend nähern will. Man könnte auch sagen: Narziss geht über Leichen.

          „Echo and Narcissus“ von John William Waterhouse, entstanden im Jahr 1903

          Die Nymphe Echo etwa flüchtet nach seiner Ablehnung in den Wald, verkriecht sich in Höhlen und verfällt in Siechtum. Nemesis, Göttin des gerechten Zorns, bestraft die Kaltherzigkeit des Narziss, indem sie ihm gleiches Leid widerfahren lässt. Als Narziss in „ein Quell mit silbern erglänzenden Wellen“ blickt, verliebt er sich in sein Spiegelbild. Ohne sich vor lauter Entzücken allerdings selbst zu erkennen. Erst nach eine Weile ruft er bei Ovid aus: „Ich bin, merk’ ich, es selbst.“ Diese Liebe verzehrt ihn ganz und gar, er stirbt.

          Jede Kultur produziert ihre Krankheitsbilder. Auch Neurosen unterliegen einem Wandel. Christopher Lasch sprach bereits 1979 vom „Zeitalter des Narzissmus“: „Was die Hysterie und die Zwangsneurosen zu Beginn dieses Jahrhunderts für Freud und seine frühen Kollegen waren, sind für den praktischen Analytiker der letzten Jahrzehnte vor der Jahrtausendwende die narzisstischen Störungen.“ Wohin Lasch blickte, überall beobachtete er die Ausbreitung eines ausufernden Selbstbezogenheitstrends: in der Politik, der Wirtschaft, im Bildungswesen, in der Kultur und im Privaten. Selbstverwirklichung als Maß aller Dinge. Das Streben nach Glück sei in die Sackgasse narzisstischer Selbstbeschäftigung abgedrängt worden.

          Um 1926 schuf Franz von Stuck seinen Narziss

          Die in Buchform verarbeitete Selbstfindung des einstigen politischen Aktivisten Jerry Rubin, die Lasch aufgriff, könnte sich in ihrem Selbsterfahrungsirrsinn wunderbar auch heute noch abspielen: In den ersten fünf Jahren, so schreibt Rubin in seinem Buch mit dem infantilen Titel „Growing (Up) at Thirty-seven“, „habe ich Gestalttherapie, Bioenergetik, Massage, Jogging, biologisch reine Nahrungsmittel, Thai Chi, Esalen, Hypnotismus, modernen Tanz, Meditation, Akupunktur, Sexualtherapie, Reichsche Therapie und More House ausprobiert - ein Selbstbedienungskurs im neuen Bewusstsein“. Seine Erkenntnis? Er sei jetzt zwar 37 Jahre alt, fühle sich aber wie 25.

          Das Geschäft mit der Ichbezogenheit

          Verglichen mit jenem schier grenzenlosen Verwirklichungsfeld von heute wirken die Präsentationsmöglichkeiten zu Laschs Zeiten lächerlich. Wäre Rubin noch am Leben, er hätte die Welt an seinen Erkenntnissen über Narzissmus-Nährböden wie Twitter und andere soziale Netzwerke en Detail teilhaben lassen können. Um die Bestätigungsmaschine in Form von „Likes“ erfolgreich am Laufen zu halten, muss sich einer, der im Schaufenster steht, unentwegt inszenieren. Bekanntlich artet das oft in einen absurden Mitteilungsdrang aus, der Leute veranlasst, Bilder zu posten, wie sie sich ein Brot schmieren oder Toilettenpapier kaufen. Banales soll krampfhaft mit Bedeutung aufgeladen werden.

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