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Enttarnte Mörder : Namenslisten von Stalins Schergen erregen Russland

Sowjetische Macht strafe nicht, sie korrigiere, heißt es auf einer Wand der einstigen Strafzelle eines Gulag. Bild: Picture-Alliance

Auftraggeber, Komplizen, Killer: In Moskau und Tomsk wurden Namenslisten von Stalins Schergen veröffentlicht. Jetzt fürchtet die Politik eine Spaltung des Landes. Die Forscher werden bedroht.

          Die russische historische und Menschenrechtsgesellschaft „Memorial“, die sich um die Aufarbeitung des Stalin-Terrors hochverdient machte, hat auf ihrer Internetseite eine Liste von fast vierzigtausend Mitarbeitern der sowjetischen Geheimpolizei NKWD publiziert, die an den großen stalinistischen Säuberungen der Jahre 1935 bis 1939 unmittelbar beteiligt waren. Die Sammlung ist das Werk des Moskauer Amateurhistorikers Andrej Schukow, der fünfzehn Jahre lang die Familiennamen aufschrieb, die auf Urteilen gegen vermeintliche Volksfeinde erschienen, und sie vervollständigte, indem er aus Archivakten über Beförderungen und Auszeichnungen Vor- und Vatersnamen, Amtsbezeichnungen und Dienstränge hinzufügte. „Memorial“ legt Wert auf die Feststellung, dass die Liste weiter vervollständigt werde und dass nicht alle der auf ihr Verzeichneten Verbrecher gewesen seien.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es war Zufall, dass ungefähr gleichzeitig im sibirischen Tomsk der studierte Philosoph Denis Karagodin nach vier Jahren zäher Forschungsarbeit dokumentieren konnte, wer an der Ermordung seines Urgroßvaters, des Bauern Denis Karagodin, schuld war, der im Jahr 1938 als Kulak und angeblicher japanischer Spion erschossen wurde. Durch zähe Archivarbeit und Korrespondenz mit Nachkommen von Terroropfern konnte Karagodin die Befehlskette vom Moskauer Politbüro bis zu den Tomsker Schergen inklusive Gefängniswächtern, Fahndern, Fahrern, sogar Sekretärinnen rekonstruieren. Nachdem man über das Führungspersonal des NKWD - nicht zuletzt dank „Memorial“ - gut Bescheid wusste, werden nun auch die konkret Ausführenden vor Ort immer mehr sichtbar.

          Verurteilung statt Entschuldigung

          Karagodin will gegen die Mörder seines Vorfahren vor Gericht ziehen. Alle Verantwortlichen, von Stalin bis zum Todesschützen, sollen gemäß dem russischen Strafrecht als Auftraggeber, Komplizen, Killer qualifiziert werden. Nur die Sekretärinnen, die erlogene Urteile abtippten, will Karagodin nicht belangen. Eine Antwort auf seine Veröffentlichung erhielt der Sibirer indes schon. Die Enkelin eines der an der Ermordung seines Urgroßvaters beteiligten Mitarbeiter der Geheimpolizei NKWD meldete sich bei ihm, um für das Verbrechen, an dem sie keine Schuld trägt, um Vergebung zu bitten. Auch er wolle nur das endlose russische Gemetzel stoppen, erwiderte Karagodin, der ihre Geste als wegweisenden Akt ziviler Versöhnung begrüßt.

          Der Menschrechtler Juri Samodurow hält diesen Weg für falsch. Die Nachkommen der Henker sollten sich nicht für deren Taten entschuldigen, sondern diese verurteilen, fordert Samodurow. Nur wenn möglichst viele der Jüngeren die Verbrechen ihrer Vorfahren ächteten, bestünde Hoffnung, dass diese eines Tages auch juristisch abgeurteilt würden. Andernfalls würden nur, wie bisher in Russland üblich, Terroropfer rehabilitiert, ohne die Verantwortlichen namhaft zu machen.

          Konsens der gegenseitigen Vernichtung

          Tatsächlich ist es das Verschweigen und Mythologisieren, was den russischen Staat und die Gesellschaft zusammenhält. „Memorial“, ohnehin unter Druck, weil das Justizministerium die Organisation als „ausländischen Agenten“ einstuft, erhält Drohbotschaften. Vor dem Moskauer Büro demonstrieren Aktivisten der rechtsradikalen „Nationalen Befreiungsbewegung“. Präsident Putins Pressesprecher Dmitri Peskow mahnt, die Publikation der Geheimdienstlernamen könne die Gesellschaft in zwei Lager spalten.

          Deutlicher wird der Kommentator der Sendung des Staatsfernsehens „Agitprop“, Konstantin Sjomin, der mit triumphierendem Lächeln bekennt, ihn interessierten nicht Fakten, sondern Ursachen und Wirkungen. Versuche, die Akteure stalinistischer Gewaltexzesse zu identifizieren, führten zur Zerstörung des Staates, argumentiert der dynamisch-hemdsärmelige Sjomin - so wie einst die Demontage des Dserschinski-Denkmals vor dem Geheimdiensthauptquartier an der Lubjanka den Zerfall der Sowjetunion eingeleitet habe. Im Übrigen seien viele Geheimdienstler auf Andrej Schukows Liste später selbst ermordet worden, fügt er, klug von Schuldfragen ablenkend, hinzu, oder sie hätten im Zweiten Weltkrieg an der Front gekämpft. Schon meldet die „Komsomolskaja prawda“, eine Gruppe von Geheimdienstveteranen, die sich vor der Rache der Kinder von Terroropfern fürchten, habe in einem offenen Brief Präsident Putin darum gebeten, die Schukow-Liste bei „Memorial“ zu schließen.

          Der Schriftsteller Dmitri Bykow findet, da in der russischen Geschichte so oft Opfer zu Henkern und diese wieder zu Opfern wurden, könne man moralische Verantwortung und zivile Versöhnung nicht erwarten. In Russland bestehe, glaubt Bykow, eine Art Konsens, dass man, statt gemeinsam etwas zu schaffen, lieber einander vernichte. Versöhnung werde möglich, wenn die Gesellschaft eine andere Beschäftigung finde als sadomasochistische Spiele; doch das werde nicht mehr Russland sein.

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