https://www.faz.net/-gqz-9lbkb

Statussymbol Ausgeschlafensein : Nachtflucht

Wer auf sich hält, kommt nicht mehr im Büro zu liegen, jedenfalls nicht auf diese Weise: Das „Manager Magazin“ propagiert das Ausgeschlafensein. Bild: picture alliance / Bildagentur-online/Elisseeva

Das „Manager Magazin“ propagiert ausreichend Schlaf als „Kennzeichen der wahren Elite“: Das kann man natürlich wollen, man muss sich allerdings auch über die Kosten im Klaren sein.

          2 Min.

          Wenn das Zentralorgan der deutschen Leistungsgesellschaft, das „Manager Magazin“, in seiner neuen Ausgabe den Schlaf „zum Kennzeichen der wahren Elite“ erhebt, dabei sich auf die „New York Times“ mit ihrer Expertise „Schlaf ist das neue Statussymbol“ berufend – dann müssen alle Wecker schrillen. Man flieht also vor der Nacht und deren schöpferischem Potential, flüchtet sich in die Schlafhygiene, um morgens im Büro mit blitzblanken Äugelchen den Gechillten zu geben? Ist der ganze transzendenzfreie Muße-Kult jetzt auch in den Chefetagen der Wirtschaft angekommen – mitsamt quality time, Entschleunigung, Schlabberdress, und was der Selbstentfremdungsüberwindungskitsch sonst noch für Versprechen mit sich führt? Ist es das, was von den Segnungen der protestantischen Ethik für den Frühkapitalismus übriggeblieben ist: der Imperativ auszuschlafen?

          „Ausreichend Schlaf wird in der notorisch gehetzten Leistungsgesellschaft der 24/7-Smartphonenutzer zum Distinktionsmerkmal, zum Kennzeichen der wahren Elite“, schreibt das „Manager Magazin“ in einer bedrückenden Geschichte über den Schlaf als neuem Lifestylkonzept. Wird die „Liste der 500 reichsten Deutschen“, die traditionell vom „Manager Magazin„ in minutiös recherchierter Eigenarbeit veröffentlicht wurde, demnächst von der „Liste der 500 ausgeschlafensten Deutschen“ ersetzt?

          Unter Leistungsträgern galt bisher die stillschweigende Übereinkunft, dass der Schlaf denselben Knappheitsregeln unterworfen ist wie andere Konsumgüter auch und daher mit regelmäßigem Powernapping, also dem Nickerchen zwischendurch, an die Wertschöpfungskette anzubinden sei. Nun heißt es: Manager, schlaft durch und aus! Schöpft im Schlaf aus dem Vollen! Der Normalisierungseffekt des durchschnittlich verhätschelten Lebens, der hier wenn nicht angepeilt, so doch billigend in Kauf genommen wird, bringt die komplexe, auf verschiedenen Befriedigungsebenen operierende work-life-balance im Schlafmodus zum Kippen. Das kann man natürlich wollen, wie es in ordoliberaler Gönnerhaftigkeit heißt, freilich nicht ohne den obligaten hellwachen Zusatz, sich auch über die Kosten im Klaren sein zu müssen.

          Zu den Kosten gehört, dass nachts die besten Ideen kommen (die dann eben ausbleiben), nachts, wenn alles Abfedernde abfällt und man die Dinge von ihrer splitternackten Seite her zu sehen bekommt, sie sich für Momente einmal nicht schön und trendig und lukrativ reden lassen, sondern sie einen aus jenen Tiefen anschauen, „aus denen feixende, zahnbewehrte Kreaturen zu dir aufsteigen, so schnell, wie eine Feder zu Boden schwebt“, wie ein Nachtarbeiter der schreibenden Elite, David Foster Wallace, das produktive nächtliche Grauen schilderte. Das ist in der Tat das Verschnarchte an der neuen, schneidigen Ausgeschlafenheit: dass sie vor den Kosten ihrer Nachtflucht, dem Verlust an Grauensbewusstsein, einfach die Augen verschließt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.