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Historiker Thomas Welskopp : Kinder, zum Sinne, zur Freiheit!

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Der Historiker Thomas Welskopp. Bild: Imago

Intellektuelle Brillanz, habituelle Zurückhaltung: Thomas Welskopp war einer der wichtigen deutschen Historiker der letzten Jahrzehnte. Jetzt ist er im Alter von 59 Jahren gestorben.

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          Der Historiker Thomas Welskopp war ein Menschenfreund und ein stets neugieriger, begeisterungsfähiger Forscher, der aus der Sozial- und Arbeitergeschichte kam und sie kultur- und gesellschafts­geschichtlich weiterentwickelte. Auch hat­te Welskopp zwei Gaben, die sich aufs Trefflichste ergänzten: Er konnte in we­nigen Stunden hochkonzentrierter Arbeit am Schreibtisch einen Vortrag aus einem Guss herunterschreiben, und er hatte ei­nen feinen, klugen Humor.

          Thomas Welskopp wurde am 5. September 1961 in Bochum geboren. Das Ruhrgebiet und seine Menschen prägten ihn. Er wuchs in einer Arbeiterfami­lie mit Berufsstolz auf, erlebte aber auch den Niedergang von Kohle und Stahl haut­­­nah mit. Von 1982 an studierte er Geschichte und Soziologie in der noch heute sprichwörtlichen „Bielefelder Schule“, die maßgeblich von Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka geprägt wurde. Als Student erlebte Welskopp damit die Hochphase der Sozialgeschichte in Deutschland an ihrem wichtigsten Ort. Zugleich merkte er als einer der ersten „Bielefelder“, wo die Grenzen dieses Ansatzes lagen und wie man ihn erweitern müsse. An der Johns Hopkins University in Baltimore studierte er ein Jahr lang bei Ronald Walters, einem wegweisenden Forscher zur Geschichte sozialer Bewegungen.

          Verfechter der natürlichen Neugier

          Die von Kocka betreute Berliner Promotionsschrift mit dem Titel „Arbeit und Macht im Hüttenwerk“ beschritt als klassischer symmetrischer Vergleich zwischen Deutschland und Amerika den da­maligen „Königsweg“ der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung und besticht auch heute noch durch die für Welskopp charakteristische Mischung aus theoriegeleiteter Forschung und umfassender em­pirischer Durchdringung eines Themas.

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          Die Habilitationsschrift über die deutsche Sozialdemokratie zwischen Vormärz und Sozialistengesetz wurde im Jahr 2000 unter dem Titel „Das Banner der Brüderlichkeit“ gedruckt. Mit den programmatischen Texten der deutschen Sozialisten, ihren Briefen, aber auch den Spitzelberichten der Polizei hat sich kaum ein Historiker ähnlich intensiv auseinandergesetzt, was neben aller systematischen Erkenntnis zahlreiche Anekdoten zutage förderte, die sich auch in der Lehre gut verwenden ließen.

          In kreativer Aneignung des „linguis­tic turn“ rief Welskopp die Überwindung der „Sozialgeschichte der Väter“ aus. Programmatisch war der Sammelband „Ge­schichte zwischen Kultur und Gesellschaft“, den er 1997 mit Thomas Mergel herausgab. 2004 erhielt Welskopp – ausgerechnet, aber auch folgerichtig – einen Ruf nach Bielefeld. Als Professor für die Geschichte moderner Gesellschaften prägte er die dortige Geschichtswissenschaft maßgeblich mit, vor allem als Di­rektor der Bielefeld Graduate School in History and Sociology. Er sah seine Aufgabe darin, junge Menschen zu eigenständigen Wissenschaftlern auszubilden – nicht indem er sie in eine intellektuelle Schablone presste oder zu einem Rädchen einer großen Exzellenzmaschine machte, sondern indem er sensibel und un­terstützend ihr Potential und ihre na­türliche Neugierde und Fähigkeiten zu entwickeln half.

          In Zurückhaltung geübt

          Zu seinen wichtigsten Publikationen zählt die Monographie „Amerikas große Ernüchterung. Eine Kulturgeschichte der Prohibition“ aus dem Jahr 2010. Dieses Buch bietet nicht nur eine rasant er­zählte, ja, „süffige“ Geschichte der Prohibitionszeit, sondern auch eine analytisch tiefgreifende, organisationssoziologisch und systemtheoretisch bestens informierte Untersuchung der Wirtschaftskrimi­na­lität und ihrer Netzwerke in Politik, Ge­sellschaft und Massenmedien.

          An­dere theoretisch wegweisende Aufsätze aus sei­ner Feder enthält der Band „Unternehmen Praxisgeschichte. Histo­rische Per­spektiven auf Kapitalismus, Arbeit und Klassengesellschaft“ aus dem Jahr 2014, mit dem Welskopp einen eigenständigen Beitrag zur im vergangenen Jahrzehnt wieder intensiv geführten Debatte um die Ursprünge und die Folgen der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf die Menschen vorlegte.

          Mit all diesen Projekten und Schriften war Thomas Welskopp einer der wichtigen deutschen Historiker der letzten Jahrzehnte. Bei kaum einem anderen ging intellektuelle Brillanz jedoch derart mit habitueller Zurückhaltung einher. Wenn es um das Ins-rechte-Licht-Rücken der eigenen Schriften ging oder um durchchoreographierte Auftritte auf Historikertagen, dann war er ein eher zu­rückhaltender Verkäufer seiner selbst. Am 19. August ist Thomas Welskopp nach schwerer Krankheit, wenige Tage vor seinem sechzigsten Geburtstag, in Bielefeld verstorben.

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