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Ökologischer Weinbau : Reben, Kunst und Sterne

  • -Aktualisiert am

Ökologischer Weinbau: Bei den Winzern setzt langsam ein Umdenken ein Bild: Frank Röth

Im Einklang mit der Natur: Der Südtiroler Winzer Alois Lageder denkt biodynamisch. Sein altes Weingut hat er behutsam modernisiert und auf ökologischen Weinbau umgestellt. Geblieben sind die hohen Qualitätsansprüche.

          Stille Dorfgassen, viel Grün, Zypressen, hie und da eine kleine Palme. Licht und Schatten spielen auf den wuchtigen Mauern alter Bauernhöfe und Renaissanceansitze. Kleine Brunnen plätschern, vom Gardasee weht die Ora herauf, ein warmer Nachmittagswind. An den Weinstöcken hängen üppige Reben. Es ist kurz vor der Lese. Fast scheint es, als sei im alten Zentrum des Dörfchens Margreid an der Südtiroler Weinstraße die Zeit stehengeblieben, wäre da nicht der Lärm eines Autokorsos einer ADAC-Oldtimer-Rallye.

          „Löwengang“ steht über dem Portal eines alten Ansitzes. Der Blick fällt auf ein Weingut im Innenhof. Südtirol ist noch immer ein interessantes Land, um Lebensweisen und Denkansätzen nachzuspüren. Hier treffen nicht nur Altes und Neues, mediterrane und alpenländische Kultur aufeinander, sondern in der Landwirtschaft auch Massenproduktion und Qualitätsorientierung. Die Grenzen sind oft fließend, manchmal ein bisschen verwirrend. Im gepflasterten Boden des Innenhofs ist eine schwarze Steinplatte mit einer Sternkarte eingelassen. Das reizt die Neugier. Immerhin beherbergt der Löwengang das Weingut eines Mannes, der über die Grenzen Südtirols hinaus von sich reden gemacht hat. Nicht nur, weil er seine Weine weltweit exportiert.

          Neuerung mit Augenmaß

          Alois Lageder, Jahrgang 1950, ist ein ruhiger, besonnener Mensch. Er spricht nicht laut, dafür bewusst. Auffällig ist sein Sinn für Humor. Seit 1855 betreibt seine Familie Weinbau. Vor neun Jahren hat Lageder seine Weinberge auf biodynamische Anbauweise umgestellt. Die Ergebnisse, sagt er, seien frappierend. Lageder ist keiner, der sein Öko-Etikett wie eine Monstranz vor sich her trägt. Er ist von einer sympathischen Aufgeschlossenheit. Seine Neugier, erzählt er, habe er von der Familie. Schon seine Mutter habe den Gemüsegarten biologisch bewirtschaftet, und der Vater habe sich für Graphologie interessiert. „Für mich war es immer so, dass ich durch ein Ereignis oder ein Treffen mit jemandem nachdrücklich beeinflusst worden bin. Ich denke, es ist unsere Aufgabe, uns als Menschen zu entwickeln. Das ist das Einzige, dem wir verpflichtet sind.“

          Freunde wie der kalifornische Starwinzer Robert Mondavi oder der Gründer des Südtiroler Ökoinstituts, Hans Glauber, sorgten dafür, dass Alois Lageder im Keller wie im Weinbau zu experimentieren begann und Gespräche mit Ökologieexperten im In- und Ausland führte. Als Anfang der neunziger Jahre ein Neubau auf Löwengang nötig wurde, verwarf er einen alten Plan und ließ den Neubau konsequent nachhaltig gestalten: keine Verbrennung fossiler Energieträger, Photovoltaikanlage, Geothermie. Gekeltert wird im Kelterturm nur per Schwerkraft, ohne Zuhilfenahme von Strom. Eine Felswand im Keller sorgt für eine natürliche, stabile Klimatisierung. Das Gebäude selbst ist unprätentiös und schlicht: Neues, sagt Lageder, müsse mit Respekt für das Alte getan werden. Und vom Alten hat er auf Löwengang und dem bildschönen Ansitz Hirschprunn um die Ecke nicht eben wenig.

          Die Reben lauschen still und andächtig

          Lageder betrachtet Nachhaltigkeit als work in progress, eingebettet in eine ganzheitliche Lebenssicht. Auch die granitene Sternkarte im Boden gehört dazu. Kunst und Musik seien für ihn und seine Frau sehr wichtig, erzählt er. „Daraus ist auch die Idee entstanden, Kunstwerke im Weingut zu integrieren.“ Große zeitgenössische Künstler wie Matt Mullican oder Rosemarie Trockel haben Werke für das Weingut geschaffen. Die Sternkarten, die sich auf verschiedene Orte im Gut und auf einem Weinberg verteilen, sind Mullicans Arbeit: ein Sinnbild für die Verbindung zwischen Mikro- und Makrokosmos, zwischen Mensch und Universum, zwischen den Gestirnen und dem Wachstum der Reben.

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