https://www.faz.net/-gsf-7ione

Eine zeitgemäße Utopie : Wie wollen wir leben?

  • -Aktualisiert am

Jenseits der Wachstums-Ideologie: In unserem Dossier zum Thema Nachhaltigkeit denken Journalisten, Wissenschaftler und Künstler über die Zukunft des Wirtschaftens nach. Eine Einladung.

          Vieles, was wir unter Alltagsgesprächen oder in der Rubrik Einkaufs- und Kochtipps abspeichern, sind in Wahrheit politische Themen. Denn die Bürger sind gespaltene Persönlichkeiten: In ihrer Eigenschaft als Wähler favorisieren sie das „Weiter so“, in ihrer Eigenschaft als Verbraucher, Wirtschaftssubjekte oder Freizeitgestalter suchen sie zunehmend Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit. Es ist auch eine Reaktion des Selbstschutzes: Der Burn-out ist die Krankheit, die Metapher und die Empfindung der Zeit. Kaum jemand glaubt noch, dass das immer mühsamere Streben nach mehr Wachstumspunkten eine sinnvolle Sache ist. Kaum jemand mag sich vorstellen, dass auch Kinder und Enkelkinder mit dem Gefühl leben müssen, trotz großer Anstrengung immer weniger Lohn zu bekommen und immer weniger subjektive Zufriedenheit zu empfinden.

          Manche Autoren wie der Brite Sir Richard Layard beklagen die Vernachlässigung des Glücks als Ziel der Politik, während immer utopischere Wachstumsziele als alternativlos beschworen werden. Layard nutzte die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften, um einmal herauszufinden, was seine Landsleute denn tatsächlich zufrieden oder gar glücklich macht. Und da war ein höheres Einkommen keineswegs der entscheidende Faktor, jedenfalls nahm ab einer gewissen Grenze der Auskömmlichkeit die Fähigkeit, sich über ein Lohnplus zu freuen, ab. Andere Faktoren wie eine Fernbeziehung, häufige Umzüge oder gar eine Scheidung betrübten das Leben weit mehr, als dies ein Zuwachs des verfügbaren Einkommens ausgleichen könnte. Die permanente Optimierung des Wachstums kommt also recht bald auch beim Einzelnen an Grenzen. Und die Menschen spüren das.

          Auf der Suche nach Alternativen

          Es wachsen Unternehmen, die Vermögen der Vermögenden und damit auch Steuereinnahmen; aber die Leute fühlen sich nicht besser. Sie reagieren darauf mit individuellen, privaten Strategien. Wer hat in den letzten Jahren nicht öfter mal, von Freunden, Bekannten oder Kollegen, den Satz gehört, man könne sich vorstellen, „mal etwas ganz anderes zu machen“? Warum kaufen sich so viele eine Zeitschrift, die das Leben auf dem Lande beschwört? Es gibt eine manifeste Bereitschaft, das Leben zu ändern. Und sie hat schon spürbare und sichtbare Auswirkungen. Wer mit wachen Augen durch einen beliebigen Supermarkt streift, kann nicht verkennen, dass die einst nur einer kuriosen Minderheit vorbehaltenen Produkte mit Bio- oder Fairtrade-Label in die großen Regale vorgerückt sind. Die Leute verlangen heute vegane Produkte, verlangen Joghurt ohne Milch und Milch ohne Milchbestandteile mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man einst nach „guter“ Butter und „schönem“ Schweinefleisch verlangt hatte.

          Wann immer wir in diesem Feuilleton Gespräche mit Meinhard Miegel brachten, in denen dieser die Erschöpfung der Wachstumsideologie analysierte und in anschaulichen Beispielen und eindrucksvollen Zahlen Belege dafür fand, dass ein Umdenken und Umlenken besser früher als später stattfinden sollte, waren die Reaktionen der Leser sehr eindrucksvoll. Wir haben uns daher vorgenommen, dieses Themenfeld auch in Zusammenarbeit mit renommierten Fachjournalisten einmal ausführlicher darzustellen und so die ganze Vielfalt des Denkens und Handelns über Nachhaltigkeit abzubilden. Lange Zeit krankten die Appelle ans Umdenken an ihrer Nähe zu Katastrophenszenarien oder zum reinen Kitsch. Solcher emotionale Stress schadet einer guten Sache aber eher, als dass er nutzt.

          Wir begegnen in diesen Texten und Studien entschiedenen, aber keinen verbissenen Akteuren. Und sie kommen aus und agieren in der im Wahlkampf so oft beschworenen Mitte der Gesellschaft: Familienunternehmer, Künstler, Wissenschaftler, die für sich weitergedacht haben als die stets so zögerlichen Spitzenpolitiker. Denn die Medien sind natürlich auch ein Teil des Problems: Selbst in einem historischen Wandel begriffen, setzen sie bereitwillig auf Optimierung und Maximierung der herrschenden Prinzipien, auf Rezepte, die bisher immer gewirkt haben, und darauf, das Bestehende als das Vernünftige darzustellen. Es wäre aber fatal, wenn darüber die Beschreibung eines bereits stattfindenden Wandels vergessen würde. Darum geht es auf den folgenden Seiten – Gründe und Wege abzubilden, die entwickelt wurden, weil Menschen das Gefühl hatten: So geht es nicht weiter.

          Weitere Themen

          Tödliche Behandlung

          Der „Tatort“ aus Stuttgart : Tödliche Behandlung

          Der Zuschauer wird zum vierten Ermittler und erlebt die Begleiterscheinungen eines harten Jobs hautnah mit: Der Stuttgart-„Tatort“ geht ins Pflegenotstandsgebiet.

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Topmeldungen

          Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

          Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.
          Die 45. Internationale Waffen-Sammlerbörse im März in Luzern

          Mit rund 64 Prozent : Schweizer stimmen für schärferes Waffenrecht

          Die Eidgenossen haben sich den Verbleib im Schengen-Raum gesichert: Eine Mehrheit sprach sich für die Übernahme der verschärften Waffenrichtlinie der EU aus. Bei einer Ablehnung wäre die Mitgliedschaft automatisch nach sechs Monaten erloschen.
          Heiko Maas vor einer Regierungsmaschine auf dem Flughafen in Berlin-Tegel

          Antrittsbesuch in Bulgarien : Maas hat wieder Pech mit seinem Flieger

          Zum dritten Mal in drei Monaten: Heiko Maas hat wieder Ärger mit einem Flieger der deutschen Bundeswehr. Bei seiner Reise nach Bulgarien hatte der deutsche Außenminister mehr als eine Stunde Verspätung, weil ein Triebwerk nicht ansprang.
          Werner Bahlsen

          Bahlsen gibt Fehler zu : „Es muss alles auf den Tisch“

          Der Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzende kündigt an, dass die Geschichte des Unternehmens fundiert aufgearbeitet werden soll. Was seine Tochter gesagt habe, sei falsch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.