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Nachhaltigkeit : Wir müssen aufhören, auf Kosten anderer zu leben

  • -Aktualisiert am

Ist der Abschied von industriellen Agrartechniken ein Verzicht? Rettich aus biologischem Anbau Bild: dapd

Der oberste deutsche Pirat hat an dieser Stelle behauptet, Nachhaltigkeit bedeute Verzicht - das ist so falsch, dass es weh tut. Worauf es wirklich ankommt, ist Umdenken. Eine Antwort auf Sebastian Nerz.

          Unter dem Titel „Wohin wollen wir wachsen“ rief uns Sebastian Nerz, der Vorsitzende der Piraten, an dieser Stelle zu „Schluss mit der Nachhaltigkeitslüge!“, sagte aber leider nicht, wohin es gehen soll. Nerz beschreibt lediglich halbherzig die Situation und lässt uns am Ende allein mit seiner Schlussfolgerung, dass irgendwann alles zu Ende ist. Keine wirklich neue Erkenntnis. Auch seine Kritik am angeblich ausgelutschten Begriff der Nachhaltigkeit, den er missbraucht sieht, bleibt irgendwo zwischen Hoffen und Bangen hängen.

          Für mich als Mitglied der Grünen sind Nachhaltigkeit und „Die Grenzen des Wachstums“ ja sozusagen Teil des genetischen Programms. Und so ist für mich die Analyse „Die Party ist vorbei“ nicht zu Ende gedacht. Denn aus der Einsicht in die Endlichkeit dieser Erde folgt noch lange nicht, dass kein Wachstum mehr möglich sei. Wir reden heute von qualitativem Wachstum, wir Grünen von einem neuen Gesellschaftsvertrag, der die alten ablösen soll, hin zu einer Gesellschaft, die sich der Endlichkeit natürlicher Ressourcen ebenso bewusst ist wie der Tatsache, dass wir alle auf diesem Planeten gut leben können, wenn wir das, was dieser Planet uns zur Verfügung stellt, auch gerecht verteilen. Es wäre fatal, machten wir uns nicht auf, die Fehlentwicklungen der letzten Jahre zu korrigieren. Dass wir dafür einen langen Atem brauchen, ist unabdingbar. Dass es sich lohnt, zeigt sich zuletzt nicht nur an der Gesundung der Ozonschicht nach der Einstellung der FCKW-Produktion. Und dass es dabei nicht nur Gewinner gibt, sehen wir an den aktuellen Bilanzen der großen Energieversorger.

          Was heißt denn hier Verzicht?

          Wer Nachhaltigkeit will, muss verzichten - das ist die Botschaft, die uns Sebastian Nerz als oberster deutscher Pirat sendet. Das ist so falsch, dass es weh tut. Denn es gibt tatsächlich Lösungsansätze, die weit über Verzicht hinausgehen. Ressourcen spart man durch Denken und Umsetzen in Produkt-Kreisläufen. Staatlicherseits kann über Anreizprogramme dafür gesorgt werden, dass rohstoffhaltige Produkte nach Ablauf ihres Lebenszyklus nicht weggeworfen, sondern zurückgegeben werden. Das Handypfand ist da neben einer Rücknahmeverpflichtung nur eine von mehreren Ideen. Schon im Produktionszyklus können recyclingfähige Komponenten eingesetzt werden. Die Abkehr vom Öl als Antriebsmittel - der Peak Oil ist Realität - ist nicht nur notwendig, um das Klima zu schützen und Bodenschätze für künftige Generationen zu erhalten, sondern auch, um die individuelle Mobilität zu erhalten und weltweit zu ermöglichen.

          Regenerative Energieerzeugung bedeutet größtmögliche lokale Autonomie; die Wertschöpfung bleibt dort, wo Energie erzeugt und benötigt wird. Der Landschaftsverbrauch sinkt. So gibt es viele weitere Beispiele für eine Änderung von Produktion und Erzeugung. Natürlich müssen wir verzichten - aber ist es ein Verzicht, industrielle Agrartechniken zu verabschieden, die uns Pestizide im Essen und in den Böden bescheren, und stattdessen eine Landwirtschaft, die mit der Natur arbeitet, zu ermöglichen? Brauchen wir an Weihnachten Erdbeeren aus Südafrika und im Frühling Birnen aus Argentinien? Ist es ein Verzicht, keine Autos mit zwanzig Litern Spritverbrauch zu haben und stattdessen mit modernen Mobilitätsformen, ÖPNV vernetzt mit Carsharing und anderen Verkehrsträgern, genau so gut und bequem von A nach B zu kommen? Ist es Verzicht, keine fossilen Energieträger für die Strom- und Wärmeerzeugung mehr zu nutzen, sondern stattdessen dezentral mit Erdwärme, Biomasse und Sonnen- und Windenergie nicht nur den Status Quo zu erhalten, sondern darüber hinaus natur- und menschenzerstörende Fördermethoden einzustellen? Und wer will tatsächlich Kleider, Kaffee, Schokolade, Nutella, Kohle, Fußbälle und was weiß ich noch alles aus ausbeuterischer Kinderarbeit kaufen?

          Politik muss vom Ende her denken

          Hätte man die Wahl - keiner kaufte dieses Zeugs. Ich glaube, mit entsprechender, ohne mahnenden Zeigefinger gestalteter Politik ist es durchaus möglich, andere Verhaltensweisen gesellschaftlich zu erlernen - man muss nur Geduld haben. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir einst gelernt haben, graue, grüne, gelbe Mülltonnen zu benutzen, die Batterien nicht in den Hausmüll zu schmeißen und Kühlschränke nicht in den Wald, werden wir auch zukünftig anders mobil sein, anders essen, anders arbeiten, anders leben. Wir müssen auf nichts wirklich verzichten, aber ohne dass wir uns ändern, wird es nicht gehen.

          Bleibt die Frage nach dem Wohlstand, der ja eh flüchtig ist. Mir fehlt im Artikel von Sebastian Nerz nicht nur die Vision einer im positiven Sinn nachhaltigeren Gesellschaft, sondern auch die einer gerechteren. Gesellschaft heißt im positiven Sinne nach Marx die Gesamtheit der Verhältnisse zwischen den Menschen. Niemand sagt, dass diese auf Ausbeutung basieren müssen. Es ist unsere Wahl. Politik muss dabei vom Ende her denken - etwas, das im Tagesgeschäft oft genug nicht mehr passiert.

          Nicht einfach nur den Gürtel enger schnallen

          Die Agenda 2010 ist so ein Meisterstück der nicht zu Ende gedachten Projektion. Mit der Deregulierung der Zeitarbeit in Hartz I und der Minijobs in Hartz II brach das ganze halbgare Ideal der verantwortungsvollen Unternehmerschaft über den Arbeitsmarkt herein. Mit Hartz IV, dessen Auszahlungshöhe in gleicher Summe wie die Sozialhilfe wir Grünen lange Zeit bekämpft haben, bis wir mittels Vermittlungsausschuss überstimmt wurden, kam der Arbeitszwang zurück ins Vermittlungsgeschäft. Mit sinkenden Reallöhnen und sinkenden sozialen Leistungen nahmen die Unternehmensgewinne zwar zu; sie schufen aber real keine regulären Arbeitsplätze mehr, Arbeit für geringer Qualifizierte war auf dem freien Markt von heute auf morgen faktisch so gut wie nicht mehr verfügbar.

          Als Beispiel sei die Unsitte genannt, Supermärkte von Auspackteams in den Morgen- oder Abendstunden auffüllen zu lassen. Diese Teams sind, mit Ausnahme der Vorarbeiter, ausschließlich mit 400-Euro-Kräften bestückt, obwohl Aufträge für die ganze Woche vorhanden sind. Die Gewinne verbleiben in den Unternehmen, die Sozialleistungen bezahlen wir alle. Es scheint bei vielen Unternehmern „normal“ geworden zu sein, dass Gewinne privatisiert, die Risiken aber sozialisiert werden. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auf. Die parallel zu den Hartz-Gesetzen erheblich gesenkten Steuern taten ein Übriges.

          Jörg Rupp

          Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn die Verhältnisse zwischen den Menschen einigermaßen ausgeglichen sind. Dabei bleibt es Aufgabe der Gesetzgeber, für Rahmenbedingungen zu sorgen, die individueller Leistung Raum gibt, zu Wohlstand in materieller, kultureller oder persönlicher Hinsicht zu führen, aber gleichzeitig auch weniger „erfolgreichen“ Menschen gesellschaftliche Teilhabe erlauben. Eine gesellschaftliche Teilhabe, die sich nicht darin erschöpfen kann, mit Ach und Krach das Brot für morgen zu besorgen. Und es bleibt Aufgabe des Gesetzgebers, dafür zu sorgen, dass für dieselbe Arbeit derselbe Lohn bezahlt wird. Die Vision muss sein, eine Verabredung innerhalb der Gesellschaft zu treffen, nicht auf Kosten anderer zu leben. Das setzt einen individuellen Beitrag eines jeden voraus, je nach individueller Leistungsfähigkeit. Und es bedarf eines neuen Blickes auf das, was wir Arbeit nennen. Für all das braucht es Anstrengungen, Visionen und den Mut, diese Dinge anzupacken, den ersten Schritt zu gehen. Den Status Quo auszurufen und zu sagen: ziehen wir einen Schlussstrich, ab morgen schnallen wir den Gürtel enger - das wird nicht reichen, um den Aufgaben von morgen in einer sich verändernden Gesellschaft gerecht zu werden.

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