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Nachfahren der Völkermordopfer : Niemand soll uns als Armenier erkennen

  • -Aktualisiert am

Ein Platz im Gedächtnis der Welt: Genozid-Gedenkstätte in Eriwan, Armenien Bild: dpa

Noch hundert Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern kann zu viel Aufmerksamkeit tödlich sein: Wie die Nachfahren der Opfer in der heutigen Türkei leben.

          Asiya bekommt in diesen Tagen bestimmt wieder viel Besuch. Die alte Frau kann nicht mehr gut laufen; die meiste Zeit sitzt sie im Wohnzimmer des kleinen Hauses, das sie gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn bewohnt. Hoch oben in den anatolischen Bergen, in einem kleinen Dorf namens Çüngüş, leben sie. Zwei imposante armenische Kirchenruinen bezeugen, dass auch dieser Ort – wie so viele in der Türkei – eine Vergangenheit hat, über die in aller Regel nicht geredet wird. Tausende Armenier wurden vor hundert Jahren weiter unten im Tal in einen Fluss geworfen, der rauschend in einer tiefen Felsspalte verschwindet.

          Die Familiengeschichte von Asiya ist dramatisch, aber für diese Gegend nicht ungewöhnlich. Ihre Mutter Safiye wurde 1915 auf einem der Deportationsmärsche von einem Soldaten „mitgenommen“, der das hübsche Armeniermädchen heiraten wollte. Safiye muss damals zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein. Irgendwann darauf wurde Asiya geboren; ihr Vater, der Soldat, verstarb ein halbes Jahr später. Mit anderen Worten, sie ist fast hundert Jahre alt – genau weiß man es nicht.

          Die eigene Identität verdeckt

          Es gibt viele Menschen in der Türkei, deren Eltern oder Großeltern – meist waren es die Großmütter – den Völkermord überlebt haben, indem sie bei Türken oder Kurden Aufnahme fanden, manche freiwillig, manche erzwungen. Asiya ist eine unter vielen. Doch sie ist zu einer kleinen Berühmtheit geworden, seit der amerikanisch-armenische Journalist und Schriftsteller Chris Bohjalian 2013 in der „Washington Post“ einen emotionalen Bericht über seinen Besuch in Çüngüş und bei Asiya veröffentlichte. Seither pilgern immer wieder Armenier aus der Diaspora zu der alten Frau, für die sie ein Verbindungsglied zu ihren eigenen ermordeten Verwandten darstellt, sie taucht auf Fotos im Internet und in Zeitungen auf; auch in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ wird ihre Geschichte erzählt.

          Das armenische Kloster Noravank stammt aus dem 13. Jahrhundert.

          Der Grund dafür ist, dass Bohjalian die Greisin als „letzte überlebende Armenierin von Çüngüş“ präsentiert hatte. Dies ist jedoch mehr als zweifelhaft. Als wir sie fragen, ob sie Armenierin ist, schüttelt die weißhaarige Frau mit der zittrigen Stimme bedrückt den Kopf; die Frage greift sie sichtlich an. Bist du Muslimin? Asiya klopft sich energisch auf die Brust und sagt: „Ich bete fünfmal am Tag.“ Sie schweigt kurz und erzählt dann noch, dass die Nachbarn ihre Mutter früher immer ermahnt hätten, sie solle ihr Kind als Muslimin aufziehen, nicht als „ermeni“.

          Doppeltes Symbol im verschobenen Koordinatensystem

          Asiya, die beinahe Hundertjährige, deren Mutter Armenierin war und deren Vater vermutlich Armenier umbringen half – sie ist ein doppeltes Symbol: zum einen für die tragische Geschichte vieler osmanischer Armenier und ihrer Nachkommen; aber auch dafür, wie seltsam verschoben das Koordinatensystem mancher ist, die emotional in den Völkermord verstrickt sind. Asiya zur „letzten überlebenden Armenierin“ zu erklären, nur weil ihre Mutter eine war – und ihren eigenen Worten zum Trotz –, ist das nicht ein Missbrauch der alten Frau, der auf einem merkwürdigen Verständnis von Identität beruht? Selbst wenn er aus der Intention heraus geschehen ist, auf historisches Unrecht hinzuweisen und die „geraubten“ Armenier zu reklamieren; schließlich gab es viele Tausende, die nur überleben konnten, indem sie sich einen muslimischen Mantel überstreiften und ihre armenische Identität in einen der hintersten Winkel ihres Bewusstseins verbannten.

          Die Episode ist nur ein Beispiel dafür, wie die tragischen historischen Ereignisse auch die nachfolgenden Generationen belasten – auf allen Seiten. Wie sie die Wahrnehmung verdreht und eine verkehrte Welt geschaffen haben. Eine Welt, in der eine Armenierin, die keine ist, zu einer erklärt wird; während umgekehrt viele der Überlebenden, die in der Türkei blieben, ihre christliche Identität abwerfen oder jahrzehntelang verbergen mussten. Dies gilt teilweise bis heute: Obwohl das Tabu um die „muslimisierten Armenier“ seit etwa zehn Jahren gebrochen ist, sind armenische Vorfahren vielerorts in der Türkei immer noch nichts, worüber man offen spricht; und außerhalb der weltoffenen Metropole Istanbul ist es oft nicht unbedingt empfehlenswert, sich als Armenier zu erkennen zu geben. Der weitaus größte Teil der etwa 75000 Armenier der Türkei lebt denn auch in der Stadt am Bosporus.

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