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Edo Reents (edo.)

WM-Kommentar : Macht sich der deutsche Fußball etwas vor?

  • -Aktualisiert am

Tipp-Kick-Männchen am Boden: Ohne Herz und Eigeninitiative, schießen sie nur auf Befehl von oben. Bild: dpa

Vielleicht hat die Mannschaft die Köpfe auch deswegen nicht freibekommen, weil sie nicht nur spielerisch keine Fehler machen wollte, sondern auch nach den inzwischen übermächtigen Maßstäben politischer Korrektheit agiert hat.

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          Es war in einer Juni-Nacht, als die deutsche Nationalmannschaft ihr Ausscheiden aus einem Weltmeisterschaftsturnier mit einem trostlosen Abschiedsbankett beging: hier die Spieler, die zu diesem Zeitpunkt noch Weltmeister waren, sehr geknickt; dort, noch geknickter und zutiefst enttäuscht von seinen Spielern, der Bundestrainer, der allein an einem Tisch saß. Irgendwann ging zumindest durch den Kapitän, der auch noch sein erstes und letztes Länderspiel-Eigentor geschossen hatte, ein Ruck: „Kommt, wir müssen den Langen aufrichten.“ Sprach’s, ging zum anderen Tisch und forderte, die Musik spielte die ganze Zeit, den Langen zum Tanz auf. So schwofte man.

          Berti Vogts, der kleine Kapitän, hatte sich ein Herz gefasst und das einzig Richtige getan, indem er Zuflucht suchte bei einer so komischen wie rührenden Geste. Und der Lange, das war Helmut Schön, der wenig später als „Mann mit der Mütze“ (Udo Jürgens) nach Hause ging, den Hintern wie immer eigentümlich rausgestreckt und hin und her wackelnd, irgendwie entenhaft. Voller Würde watschelte er davon, kein Mensch rief ihm etwas Böses nach, die Schmach von Cordoba, das Ausscheiden gegen Österreich am 21. Juni 1978, haftete ihm nicht lange an und blieb im Wesentlichen an seinen Spielern kleben.

          Joachim Löw ähnelt Helmut Schön auf verblüffende Weise – schon im Gang, der, von hinten aus gesehen, den Po auch bei ihm zum Zentrum des ganzen Körpers zu machen scheint, und auch in der Dauer seiner Amtszeit, die nur noch zwei Jahre kürzer ist. Hat auch ihn sein Kapitän zum Tanz aufgefordert? Gebrauchen hätte er es können. Denn so viel der deutsche Fußball ihm auch zu verdanken hat – im Amt kann er jetzt eigentlich nicht mehr bleiben, daraus werden ihn die 82 Millionen anderen Bundestrainer alsbald vertreiben. Und wenn nicht: Wo will er für den so oder so nötigen Kraftakt noch die Motivation nehmen, wenn er sie schon nicht hatte, als es darauf ankam?

          Wiederholen sich Konstellationen? Schön war so lange Bundestrainer (1964 bis 1978) wie Adenauer Kanzler (1949 bis 1963), Löw ist jetzt (fast) so lange Bundestrainer (2006 bis 2018) wie Merkel Kanzlerin (seit 2005, aber vielleicht auch nicht mehr lange). Man betrachtet, speziell während und unmittelbar nach einer Weltmeisterschaft, den Fußball gerne als „Spiegel der Gesellschaft“ oder als Ausdruck beziehungsweise Katalysator einer gesamtpolitischen Gemengelage: 1954 waren wir wieder wer, 1972 stand der aus der „Tiefe des Raumes“ (Karl Heinz Bohrer) kommende Netzer für einen offensiven, irgendwie linken Fußball, der zwei Jahre später vollends gekrönt wurde, während 1990 als neue, nun gesamtdeutsche Machtdemonstration gefeiert wurde und 2014 schließlich jenes tolerante, weltoffene und endlich auch einmal leichte Deutschland zum Zuge kam, dessen Eigenschaften 2006 im „Sommermärchen“ knospten und die von Löw seither geduldig gehegt und gepflegt wurden.

          Gesinnungsschnüffelei

          Das sind aber alles bloß nachträgliche Zuschreibungen, die sich eher Wunschdenken verdanken und dann so oft wiederholt werden, dass sie irgendwann amtlich sind. Mit Fußball haben sie nichts zu tun. Oder worin sollen diese gelobte Toleranz und Weltoffenheit bestehen. Es war nur klug, dass sich der DFB auf die wochenlang an ihn herangetragene „Werte“-Debatte nach Özils und Gündogans Foto-Eselei nicht so richtig einlassen wollte; für welche Werte der Verband (auch) steht, konnte man nach der durch den denkbar knappen Sieg gegen Schweden ausgelösten Enthemmung zweier Funktionäre doch viel besser sehen. Oder hätte es der Mannschaft weitergeholfen, wenn die türkischstämmigen Spieler klein beigegeben hätten: Natürlich, wir sind auch für Demokratie und Menschenrechte, wir finden es nicht gut, wenn Präsident Erdogan Kritiker einsperren lässt? Mit derartigen Lippenbekenntnissen hätten sie sich nur lächerlich gemacht. Diese Gesinnungsschnüffelei, dieses Zurichten bringt nichts.

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