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Edo Reents (edo.)

WM-Kommentar : Macht sich der deutsche Fußball etwas vor?

  • -Aktualisiert am

Alte Verhaltensmuster wie den täppischen, beschämenden Gesamtauftritt 1978 bei der argentinischen Militärdiktatur oder Toni Schumachers übles Battiston-Foul 1982 kann sich niemand zurückwünschen. Es hat aber den Anschein, dass die amtierende Garde die Köpfe auch deswegen nicht freibekam, weil sie nicht nur spielerisch, sondern auch nach den inzwischen übermächtigen Maßstäben politischer Korrektheit keine Fehler machen wollte. Eine Mischung aus Phlegma und Ängstlichkeit stand ihr von Anfang an in die Gesichter geschrieben; von anderem Geist beseelte, durchweg jüngere Spieler, die noch nicht alles erlebt haben und ein gewisses Draufgängertum signalisierten, saßen die meiste Zeit auf der Bank oder wurden von Löw schon vorher aussortiert.

Hinterher weiß man’s besser. Doch an der Kritik, zu der sich der zu Hause gelassene Sandro Wagner hinreißen ließ, ist eben auch etwas dran: Kantige Typen sind hier prinzipiell nicht gefragt. Das Großreinemachen fing 1994 an, als der Verband Effenberg wegen eines unschönen, aber auch nicht ganz unmenschlichen Stinkefingers suspendierte; seither wird gespurt. Kein früher so genannter Stinkstiefel, der doch einzig die Energie und den Mumm aufbrächte, den anderen Beine zu machen, sobald es eng wird, zeichnet diese Mannschaft aus. Stattdessen diese „Werte“, dieser totale Mangel an Eskapaden und diese ausdruckslosen Gesichter auf dem Platz, bedingt durch das ganz und gar unerklärliche, schon im ersten Spiel sträfliche Festhalten an trüben Tassen wie Özil, Khedira und Müller, die in Russland sämtlich keine einzige Vorlage gegeben haben, während erheblich inspirierter wirkende Spieler wie Julian Brandt meistens draußenbleiben mussten wie junge Hunde, von denen man befürchtet, dass sie im Überschwang Fehler machen oder noch nicht stubenrein sind.

Über den Kampf zum Spiel finden

Man braucht dem Bundestrainer dieses eklatante Versagen bei den Personalien gar nicht mehr groß vorzuwerfen, es war die ganze Zeit mit Händen zu greifen. Auch vom Kapitän, heiße er nun Lahm oder Neuer, geht schon lange keine sichtbare Initiative aus. Nur jetzt allen Kritikern mit der blankziehenden Auskunft, es habe insgesamt der „Wille“ gefehlt, man sei auch völlig zu Recht rausgeflogen, schlau und wohlerzogen den Wind aus den Segeln nehmen, das können sie. Keiner sagt mehr etwas Falsches, und die, die etwas riskieren könnten, durften vor dem Fernseher die Daumen halten.

Vorbei die Zeiten, in denen erschöpfte und/oder wütende Spieler wie aus einem toten Winkel heraus Unsinn redeten, der wenigstens einen Willen zum Besseren ahnen ließ. Was wäre wohl, wenn das mit der „Leichtigkeit“ ein schöner Irrtum und das 7:1 gegen Brasilien ein Betriebsunfall (gegen einen komplett kapitulierenden Gegner) war und es den Deutschen im Wesentlichen aufgegeben ist, über den Kampf zum Spiel zu finden? Der massive Druckabfall nährt jetzt die Vermutung, dass der Rumpelfußball der achtziger und neunziger Jahre die eigentliche und ja keineswegs erfolglose Ära der Nationalmannschaft war. Der Deutsche, heißt es, lügt, wenn er höflich sein will – er lügt offensichtlich auch, wenn er leicht und elegant sein will. Das war nur Beckenbauer gegeben.

Am Ende war es auch Unvermögen. Oder was soll es sonst sein, wenn ein Weltmeister wie Hummels ins südkoreanische Tor köpfen will, den Ball aber mit der Schulter trifft; wenn ein Weltmeister wie Müller in der Schlussphase zweimal im gegnerischen Strafraum seinen Kopf gerade so unter den Ball bekommt und ihn, wie ein Abwehrspieler, senkrecht in die Luft befördert, weit weg vom besser postierten Stürmer? Dazu und besonders schwer ins Gewicht fallend, dieses ewige Gestocher, wenn man den Ball überhaupt einmal richtig traf, dieses Gewurstel und Geschieße gegen lauter südkoreanische Beine. Wurde das denn alles nicht geübt?

Mit dem Weltmeistertitel ist es wie mit einem hellleuchtenden, aber schon erloschenen Stern. In dem Moment, in dem man ihn erwirbt, hat man ihn schon nicht mehr richtig; zu steil ist die Abwärtsbewegung, die danach und meistens sofort einsetzt. Weltmeister sind in der Regel Eintagsfliegen.

Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.

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