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Trump und die Medien : Haben wir nicht etwas vergessen?

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Handschlag der gequälten Art: Donald Trump beim Antrittsbesuch im Oval Office, in dem noch Barack Obama residiert. Bild: AP

Donald Trumps Wahl hat Amerika verändert. Was sich vollzieht, scheinen die Medien nicht zu begreifen. Sie machen weiter, als wäre nichts gewesen. Sie sollten sich fragen, warum sie so falsch lagen.

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          Als designierter Präsident übt sich Donald Trump in einer neuen Rolle. Im Interview mit dem Politmagazin „60 Minutes“ bei CBS tritt er für seine Verhältnisse konziliant auf. Er lässt sich sogar den Satz abringen, mit rassistischen Übergriffen müsse Schluss sein: „Hört damit auf“, sagte er. Von Obamacare will er, anders als zu erwarten, etwas übrig lassen, sogar für die Clinton-Familie hat er versöhnliche Töne. Was diese zu bedeuten haben, wird sich noch zeigen.

          Ob Trump sich ändert, ist die eine Frage, welche Lehren der amerikanische Medienbetrieb aus seinem Wahlsieg zieht, eine andere. Schließlich lag fast die gesamte Presse mit ihren Einschätzungen daneben und erlebten die Demoskopen ihr Armageddon. Hochrechnungen, Prognosen, Siegchancen - noch zu Beginn des Wahlabends am vergangenen Dienstag stimmte nichts davon, vorne und hinten nicht. Händeringend wird nach den Gründen gesucht. Dabei sind die einigermaßen offensichtlich.

          In den abgekapselten Blasen

          Wie viele bemerkten, sind Wahrscheinlichkeitsrechnungen keine präzisen Vorhersagen. Zudem haben Umfragewerte selbst eine Auswirkung auf die öffentliche Meinung. Wer meint, einer starken Gruppe anzugehören, äußert sich eher als jemand, der glaubt, mit seiner Haltung in der Minderheit zu sein. Und die Zersplitterung der öffentlichen Debatte in voneinander abgekapselte Blasen verzerrte die Prognosen. Statistische Modelle fußen auf der Annahme, dass vergangenes Verhalten künftiges Verhalten vorauszusagen vermag. Aber es brauchte nicht viel Weitblick, um zu erkennen, dass sich die politische Welt und besonders die Foren der öffentlichen Debatte in den vergangenen vier Jahren stärker verschoben haben als in einem ähnlich kurzen Zeitraum je zuvor.

          „Wenn die Wählerschaft sich auch nur in marginal bedeutungsvoller Weise verändert, wird das statistische Modell antiquiert und kontraproduktiv“, schrieb David Burstein in „Vanity Fair“. Er hatte schon vor einem Jahr in einem Artikel mit der Überschrift „Warum Trump tatsächlich zum Präsidenten gewählt werden könnte“ dessen möglichen Sieg skizziert. Demoskopische Daten seien schön und gut, aber kein Ersatz für menschliche Verbindungen, so Burstein. Und doch verließen sich die Medien mehrheitlich auf Umfragen, viel mehr denn auf die Recherche vor Ort. Während sich die Fernsehsender an Trumps Rhetorik berauschten und sie stützten oder sich über ihn lustig machten blieb die Analyse seiner tatsächlichen Popularität aus. Darauf verstanden sich auch die führenden Zeitungen und Magazine des Landes nicht.

          Donald Trump verwies immer wieder, schließlich auch in seiner Ansprache nach der Wahl, auf die „Vergessenen“, auf die „schweigende Mehrheit“, von der man in den Medien nichts gehört habe, weil sie in der öffentlichen Debatte nicht aufgerufen wurde. Auf Facebook kursierte vor der Wahl die Frage, ob viele vermeintliche Clinton-Wähler am Ende ihr Kreuzchen nicht doch bei Trump machten oder ob die Frauen von Trump-Anhängern in der Wahlkabine nicht heimlich für Hillary stimmten. So kam zum Ausdruck, dass man über Trumps Anhängerschaft nicht viel wusste. Sie tauchen weder bei CNN noch bei Fox News auf, dort haben allein sattsam bekannte Experten das Wort.

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