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Übergriffe in Köln : Eine Männergruppe und ihr Hintergrund

Eine Handyaufnahme vom Silvesterabend in Köln, gegen 22.45 Uhr auf dem Platz zwischen Dom und Bahnhof. Bild: Markus Böhm

Was in Köln in der Silvesternacht geschah, macht manche offenbar sprachlos. Dabei gilt es, genau zu benennen, wer hier Gewalt gegen Frauen ausübte. Sonst läuft die Diskussion in die verkehrte Richtung.

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          „Männergruppen“, heißt es Dienstagmittag auf den Videotext-Tafeln der ARD, hätten in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof, aber auch in Hamburg und Stuttgart, Frauen in großer Zahl sexuelle Gewalt angetan. Die „Männer“ hätten ihre weiblichen Opfer umringt, ihnen in den Intimbereich gefasst und sie bestohlen. Allein in Köln sei die Zahl der Anzeigen auf neunzig gestiegen. Kölns Oberbürgermeisterin und der Bundesinnenminister hätten Konsequenzen angekündigt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine Information, die das Polizeipräsidium Köln schon am 2.Januar in einer Presseerklärung öffentlich gemacht hat, fehlt zu diesem Zeitpunkt auf den Videotexttafeln 106 bis 108: dass die mutmaßlichen Tätergruppen sich „nach Zeugenaussagen“ aus „nordafrikanisch aussehenden ...Personen“ zusammengesetzt hätten. Auch das war schon eine nachgereichte Information. Am Tag zuvor hatte die Polizei die Silvesternacht in Köln als „weitgehend friedlich“ beschrieben und lediglich von einer durch Feuerwerkskörper ausgelösten drohenden Massenpanik mit tausend Feiernden auf dem Bahnhofsvorplatz berichtet. Facebook-Nutzer wollten daraufhin von den Beamten wissen, weshalb sie nichts über die Überfälle auf Frauen im Hauptbahnhof verlauten ließen. Im Netz entstand die Meinung: Da wird etwas verschwiegen.

          ZDF gesteht Fehler ein

          Die Polizei reagierte. Presseinformationen der Kölner Polizei, der Polizeigewerkschaft NRW und der Bundespolizei brachten das Thema am 4. Januar in die überregionalen Medien. An diesem Tag berichteten die „heute“-Nachrichten des ZDF um 19 Uhr noch nicht über die Ereignisse in Köln. Was der stellvertretende Chefredakteur Elmar Theveßen tags darauf als Fehler bezeichnet: „Die Nachrichtenlage war klar genug. Es war ein Versäumnis, dass die 19-Uhr-heute-Sendung die Vorfälle nicht wenigstens gemeldet hat.“ Man habe auf das Krisentreffen am Dienstag warten wollen, „um Zeit für ergänzende Interviews zu gewinnen. Dies war jedoch eine klare Fehleinschätzung.“

          Die „Tagesschau“ berichtete am Montag in ihrer 20-Uhr-Ausgabe und zitierte die Angaben, dass die Kölner Täter sich aus einer Gruppe von etwa tausend Männern gelöst hätten, die dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammten. Arnold Plickert, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei NRW, sagte in der Sendung: „Es ist absehbar, dass das rechte Spektrum genau diesen Sachverhalt nutzen wird.“ Am selben Tag antwortet Plickert einem Radiomoderator bei MDR Info auf die Frage, warum die Polizei, die normalerweise keine Angaben zur Herkunft mutmaßlicher Täter mache, in diesem Fall anders handelte: „Ich finde das genau richtig, wir müssen den Fall jetzt aufklären, wir müssen sehen, wer war das, und das darf auch nicht verschwiegen werden, weil es dann genau in die verkehrte Richtung geht.“

          Pressekodex gibt Richtlinie

          In die verkehrte Richtung geht es, wenn in der Öffentlichkeit das Gefühl entsteht, Politik, Behörden und Presse hielten unbequeme Wahrheiten unter der Decke. In die verkehrte Richtung läuft es aber auch, wenn ganze gesellschaftliche Gruppen, besonders Minderheiten, durch die Ausgabe von Personenprofilen als mögliche oder wahrscheinliche Täter identifiziert zu werden drohen, etwa von ihnen ohnehin ablehnend gegenüberstehenden Kreisen, und man sie so in Gefahr bringt. Kurz: Auch die Polizei wägte sehr genau ab, ob sie die Täterbeschreibungen vor dem Hintergrund der Flüchtlingsdebatte nennen sollte.

          Der deutsche Pressekodex gibt Journalisten in der Sache „Aussprechen oder verschweigen?“ eine klare Richtlinie an die Hand: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“ Wenn Gruppen von Männern aus einem Mob heraus Jagd auf Frauen machen und diese Männer Zeugenaussagen zufolge alle aussahen, als stammten sie aus Nordafrika oder dem Nahen Osten, spielt der Umstand für die mögliche Motivation der Taten (und die Fahndung nach den Tätern) eine wichtige Rolle und damit für die Aufklärung der Überfälle. Darin liegt der „begründbare Sachbezug“, den der Pressekodex fordert: Er ist hier eindeutig gegeben. Es gilt auszusprechen, was war.

          Selbstverständliches wird zur Besonderheit erklärt

          Politiker legen sich bei der Kommentierung und Bewertung der Geschehnisse besondere Zurückhaltung auf. Die parteilose Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker bezeichnet die Vorfälle als „ungeheuerlich“. Es könne nicht sein, dass Besucher der Stadt und „Kölner und Kölnerinnen“ sich nicht sicher fühlen könnten, sagte sie – dabei haben ausschließlich Frauen sich als Opfer gemeldet. Sie beraumt ein Krisentreffen an, fordert mehr Polizeipräsenz und warnt vor einem Kurzschluss mit der Flüchtlingsdebatte. Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), vermeidet es in ihrem Statement auf Facebook, auf die Herkunft der Täter einzugehen. Sie betont, dass der Rechtsstaat Straftaten unabhängig von Religion und Herkommen verfolgen müsse – als ob das keine Selbstverständlichkeit wäre. Dasselbe fordern aber auch die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD), als wäre es etwas Außergewöhnliches. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), will die Täter schnell gefasst sehen, weil sonst Flüchtlinge und Ausländer unter Generalverdacht gerieten. Vor diesem warnt auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Justizminister Heiko Maas (SDP) stellte in den Raum, es könnte sich um eine neue Form organisierter Kriminalität handeln.

          Derweil fordert der CDU-Politiker Jens Spahn eine neue „Aufschrei“-Debatte, im Netz sammelt sich rechte Hetze, Feministinnen wehren sich auf Twitter dagegen, ihre Sache werde für Ressentiments gegen Migranten missbraucht, ein Artikel in „Emma“ spricht von „Terror“ gegen Frauen, beißt sich dann lange daran fest, dass Männer die Aggressoren waren, bevor der Hinweis folgt, dass es Migranten waren und sich schon ähnliche Szenen auf dem Tahrir-Platz abgespielt haben. Kristina Schröder, die ehemalige Bundesfamilienministerin (CDU) twittert: „Sie wurden lange tabuisiert, aber wir müssen uns mit gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in muslimischer Kultur auseinandersetzen.“ Die Diskussion hat gerade erst begonnen.

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