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Lanzmanns Beschwerde : Das Kempinski setzt Israel auf seine Telefonliste

Im Hotel in Berlin fiel ihm etwas auf: Claude Lanzmann, Regisseur von „Shoah“. Bild: Denis ALLARD/REA/laif

Claude Lanzmann, der Regisseur von „Shoah“, war im Hotel in Berlin und entdeckte, dass Israels Ländervorwahl fehlt. Ein Versehen, keine Absicht, sagt das Kempinski. Doch ist das alles?

          „Bei uns übernachten bedeutet, nach Hause zu kommen“, heißt es in der Begrüßung des Kempinski Hotels Bristol in Berlin. Claude Lanzmann, der Regisseur von „Shoah“, fühlte sich bei seinem Besuch im Kempinski nicht zu Hause. Im Telefonverzeichnis der Herberge, das er abends auf seinem Zimmer aufschlug, fehlte die Vorwahl für Israel. Und das, so wurde ihm von einem Mitarbeiter des Hotels gesagt, habe seinen Grund: Es entspreche dem Wunsch arabischer Gäste und sei von der Direktion so angewiesen worden. Israel? Kein Anschluss unter dieser Nummer.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Fünfunddreißig Länderdurchwahlen finden sich auf der Liste im Kempinski Bristol am Kurfürstendamm. Die meisten gehören zu europäischen Staaten, doch es geht auch nach Australien, Brasilien, Kanada, Hongkong, Japan, Russland, Saudi-Arabien, Singapur, Südafrika, Thailand und in die Ukraine. Das lässt vielleicht Rückschlüsse auf die Herkunftsländer der Gäste zu, eine Verbindung liegt nahe: Größter Anteilseigner der Kempinski-Hotels, deren Geschichte auf den deutsch-jüdischen Unternehmer Berthold Kempinski zurückgeht, der sich 1872 in Berlin niederließ und eine Weinhandlung betrieb, ist heute das thailändische Crown Property Bureau, welches das Vermögen der thailändischen Krone verwaltet. Doch welchen Schluss lässt das Fehlen der Nummer von Israel zu? Für Claude Lanzmann ist der Fall, wie er in dieser Zeitung geschrieben hat, klar: Israel soll nicht sichtbar sein, es soll verschwinden und mit ihm die Juden.

          „Keine Anweisung seitens der Hoteldirektion“

          Nach Darstellung des Hotels soll an diesem Rückschluss jedoch nichts dran sein. Man könne, heißt es auf Anfrage, die von Lanzmann „beschriebenen Aussagen des Mitarbeiters so nicht bestätigen“. Weiter heißt es: „Es gab und gibt keine Anweisung seitens der Hoteldirektion und auch nicht von der Kempinski AG, die israelische Vorwahl nicht in die Ländervorwahl-Liste aufzunehmen. Dies würde auch unseren Grundsätzen von Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber allen Menschen widersprechen.“ Die genannte Liste stelle keine vollständige Auflistung aller Ländervorwahlen dar, sondern nur eine Auswahl. Es habe „keinen dezidierten Grund“ für die Nichtnennung Israels gegeben, man habe aber „die Vorwahl selbstverständlich ergänzt“.

          Der Himmel über Berlin und das Kempinski Hotel Bristol am Kurfürstendamm.

          Ein „unglücklicher Zufall“ sei es, dass die Nummer für Israel nicht dabei gewesen sei, sagte die Hoteldirektorin Birgitt Ullerich im „Tagesspiegel“, sie wolle noch recherchieren, wie es zu dieser Geschichte gekommen sei und wer diese Aussage getroffen habe. Von der Muttergesellschaft, der Kempinski AG, kommt auf Anfrage die gleichlautende Antwort. Es gebe „keinerlei Vorgaben in Bezug auf Telefonlisten“, man bedauere „aufrichtig, wenn die Gefühle von Herrn Lanzmann verletzt worden sind“. Unbeantwortet bleiben die Fragen, wie andere Kempinski-Hotels es in Sachen Israel halten, nicht nur mit Blick auf die Durchwahl, sondern auch auf die Verwendung von Produkten des Landes.

          Sollen wir die Geschichte mit diesen Hinweisen ad acta legen? Versehen, Falschaussage, nach dem Mitarbeiter wird gesucht? Macht es nicht stutzig, dass die internationale Auswahl im Berliner Bristol Kempinski Brasilien, die Ukraine und Saudi-Arabien kennt, das naheliegende Israel aber nicht? Für nicht der Rede wert oder einen Witz kann das nur halten, wer neben dem offen zur Schau gestellten, aggressiven Judenhass der Neonazis und der Islamisten die vielen kleinen Anzeichen virulenten Antisemitismus missachtet, die in den Alltag eingezogen sind.

          Virulenter Antisemitismus

          Ein prägnantes Beispiel dafür lieferten vor einiger Zeit zwei Reporter des „Tagesspiegels“, die während der Fußball-Europameisterschaft mit einer Israel-Fahne über der Schulter auf die Berliner Fanmeile zogen. Sie bekamen schnell zu spüren, dass auf dem vermeintlich völkerverbindenden Fußballfest Israelis, Juden nicht erwünscht waren. Es begann mit Anfeindungen und endete mit einer Bedrohung durch eine Gruppe arabisch sprechender junger Männer, vor denen die beiden Reporter sich in Sicherheit bringen mussten. Scheinbar zivilisierter kommt Antisemitismus derweil in Form des in linken Kreisen beliebten Boykotts israelischer Waren daher, an dessen Spitze die Bewegung „Boycott, Divestment and Sanctions“, kurz BDS, steht, deren Kampagnen in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zutreffend charakterisiert worden sind - als „Einladung zum Hass“.

          Und da sitzt nun also der neunzig Jahre alte Claude Lanzmann, der zur Beerdigung der Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff, mit der er zehn Jahre lang verheiratet war, nach Berlin gekommen ist, in dem Hotel, in dem er in der deutschen Hauptstadt immer logiert, seit er hier 1986 seinen Film „Shoah“ vorstellte, und sieht, dass die Nummer von Israel fehlt, und hört, dass es dafür einen bestimmten Grund gibt. Ist das eine Petitesse? Selbst wenn Lanzmann komplett falschläge und die Dementis der Hotelleitung stimmten, woran man seine Zweifel haben darf - „so nicht bestätigen“ -, gilt: Die Nummer von Israel hätte auf der Liste des Kempinski Bristol am Kurfürstendamm nicht fehlen dürfen. Aber es musste erst Claude Lanzmann nach Berlin reisen, bevor das jemandem auffiel.

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