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Hooligans : Einblick in die Kampfzone hinter der Tür

  • -Aktualisiert am

Nicht beim Matchen, sondern als Zuschauer beim Spiel: ein ungarischer Hooligan während der EM in Frankreich. Bild: Imago

Die Fußball-Euromeisterschaft hat wieder einmal bewiesen, dass Hooligans nicht ausgestorben sind. Doch wer sind Hooligans? Was tun sie? Und vor allem: Warum? Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Gäbe es eine Tür zur Szene, sie wäre fensterlos, stabil, hätte an der Außenseite keine Klinke. Nur eine Metallplatte dort, wo das Schloss sein müsste. Ein Schild wäre fest ans Blatt genietet. Denn von innen bollert und rumst es ordentlich dagegen. Nein, das Ganze müsste schon was aushalten. Das Schild wäre vielleicht rot oder schwarz. In fetten Druckbuchstaben würde darauf stehen: „KEIN ZUTRITT! WEITERGEHEN!“

          Drücken wir, an die das Schild sich richtet, uns auf der anderen Straßenseite herum und beobachten. Was sehen wir? Wen sehen wir an die Tür herantreten und klopfen? Nicht zaghaft mit den Fingerknöcheln, sondern in vollem Selbstvertrauen mit der Handkante der geballten Faust dagegenwummern. Männer. Männer in Sweatpants und Laufschuhen. Oder Trailschuhen, denn die bieten im freien Gelände mehr Grip. Männer in teuren Marken-Polohemden und Cargoshorts. In Anzügen. Männer mit Sporttaschen. In den Sporttaschen wiederum Jogginghosen, Blanko-T-Shirts, Bandagen und Zahnschutze. Männer verschiedensten Alters. Junge Erwachsene. Alte Haudegen. Daddys in den Dreißigern und Vierzigern.

          Männer, die von der Schicht kommen. Männer, die bald wieder auf Montage müssen. Studenten. Türsteher. Kindergärtner. Nachtwächter. Beamte. Arbeitslose. Selbständige. Landschaftsbauer. Müllmänner. Anwälte. Krankenpfleger. Nationalisten. Konservative. Rechte. Sozialdemokraten. Nichtwähler. Männer, die beachtliche Wampen vor sich hertragen. Spargeltarzane. Pumper. Regelrechte Wandschränke. Dünne Heringe. Männer mit manikürten Fingernägeln am Ende von Armen, so dick wie Delphinbabys. Männer mit kurzen Haaren. Mit kahlgeschorenen Schädeln über Stiernacken. Mit Boxerfrisuren und Militärschnitt.

          Treffpunkte zum Matchen

          Männer mit längeren Haaren sieht man da nicht. Denn an langen Haaren lässt sich hervorragend ziehen. Das wissen die aus dem Security-Bereich schon von Haus aus. Aber das macht man nicht. Man weiß doch noch vom Schulhofgebalge, dass so was nur die Mädchen machen. Da kann man ja gleich kratzen und beißen und kneifen. Allerdings, so mitten im Getümmel? Da liegt ein kräftiges Zerren an den Haaren, um sich zu befreien, sich Raum zu verschaffen, nicht so fern. Das sieht schon keiner. Spricht doch nachher eh keiner mehr drüber. Sondern nur über Sieg oder Niederlage. Aber man macht das ja nicht.

          Wir Außenstehenden, die wir versuchen, einen Blick durch den Türspalt zu werfen, merken relativ schnell, dass es sich bei den Eingeweihten exklusiv um Männer handelt. Nehmen wir einmal kurz unsere herbeiphantasierte Tür und stellen uns vor, anstatt in Deutschland befände sie sich in einer beliebigen Wand irgendwo in Russland: Zwischen den Unmengen asketisch austrainierter Bärbeißer würden sich dort immer wieder auch Frauen beobachten lassen, die das richtige Klopfzeichen kennen. Dieses Spiel könnte man so oft treiben, wie es Länder, Regionen, Städte mit einer eigenen Szene gibt, und jedes Mal würde sich das Bild der Eintretenden zumindest um Nuancen verändern. Doch zurück zum ursprünglichen Türspalt und dem, was dahinter liegt, oder vielmehr dem, was wir aus der Position als Unbeteiligte dahinter zu erahnen in der Lage sind.

          Was man dort, hinter der Tür, nicht finden wird, ist das bunttosende Flirren rundum überwachter Fußballstadien. Stattdessen Monochromie. Das Grau abgelegener Industriegebiete und -brachen oder einsamer Pendlerparkplätze an Sonntagen. Grüntöne von Wiesen und Wäldern. Das tiefe Braun von Äckern und Feldern. Das sind Treffpunkte zum sogenannten Matchen. So sieht es in der Regel hinter der Tür aus.

          „Fünfzehn Mann auf beiden Seiten“

          Die Ausnahme bilden Ausflüge zu Turnieren auf internationaler Ebene: wenn Teile der verschiedenen Szenen in die Austragungsorte von EM oder WM strömen, um alle zwei Jahre die Abgeschiedenheit der Wälder und Äcker hinter sich zu lassen, und die darauf hintrainierenden Daddys durchmischt werden von betrunkenen Daddys, die einfach so da sind, weil es ist ja Länderspiel, und Stühle und Flaschen fliegen. Doch das machen nicht alle, und es ist der Sonderfall: wenn die Szene sich der breiten Öffentlichkeit präsentiert, uns zum Reden über sie und zum Fragenstellen bringt.

          Doch auf dem Acker: kein Publikum, keine Schaulustigen, keine Unbeteiligten. Bisweilen mag es verkommen, dass der örtliche Landwirt oder Förster zufällig vorbeikommt, und sollte ihm über sein konsterniertes Kopfschütteln und Ausspucken noch einfallen, 110 zu wählen, werden die Gesetzeshüter bei Ankunft nicht viel mehr vorfinden als Reifenspuren und ein Durcheinander aus Laufschuhabdrücken im Untergrund.

          Fußball-EM in Frankreich : Das Hooligan-Problem

          Doch wie kommt es überhaupt dazu? Vereinbart per Wegwerf-Mobiltelefon vom Discounter, mit einer jungfräulichen SIM-Karte ausgestattet. Durch ein digitalhermetisches phpBB-Forum am durchgenudelten Internetcafé-Platz erstellt. „Fünfzehn Mann auf beiden Seiten.“ „Wir kriegen aber nur elf zusammen.“ Man wird schon eine Übereinkunft finden. Hauptsache, es wird sich an getroffene Vereinbarungen gehalten.

          Schläge, Deckung, Schläge

          Eine Seite kümmert sich um die Dokumentation. Vielleicht wird der Müllmann, der letztes Mal keine Leistung gebracht hat, zum Fotografen degradiert. Zum Kameramann. Innerhalb der nächsten Tage gibt es dann den Link zum Bildmaterial, hochgeladen bei einem ausländischen Cloud-Anbieter mit sicherer End-to-End-Verschlüsselung. Kennen sich beide Gruppen nicht gut genug, wird eventuell noch eine jeweils einheitliche Montur ausgemacht: „Wir kommen in Schwarz.“ Vielleicht ist es der Kindergärtner, der das Match vereinbart und organisiert. Vielleicht der Türsteher.

          Vielleicht ist auch der Hartz-IV-Empfänger der Anführer. Nicht Capo. Capo ist ein Begriff, der es nicht hinter die für uns verschlossene Tür geschafft hat. Ein Begriff, den wir hier draußen aus Mafiafilmen kennen. Oder eben aus dem Fußballfan-Kontext. Da ist der Capo der Einpeitscher, der Taktangeber, der Waszusagenhaber unter den Ultras. Doch Ultras sind nicht das Gleiche wie Hooligans. Ultras sehen wir nicht an die Tür dort klopfen. Sie stehen auch nicht mit uns auf der anderen Straßenseite. Sie stehen in ihrer Fankurve, in ihrem Stadion, in ihrer, jeder Stadt des Landes und schwenken Fahnen, stemmen Doppelhalter in die Luft, befestigen Banner am Absperrzaun, entfachen Bengalos und peitschen ihre Mannschaft unisono aus voller Kehle an.

          Kann ein Ultra auch Hooligan sein oder umgekehrt? Sicher. Warum nicht? Kann ein Capo Hooligan sein? Auch das. Doch wenn er durch die Tür tritt, lässt er die Begriffe Capo und Ultra draußen. Das alles kann mitunter sehr verwirrend auf uns Unbeteiligte wirken, und so schmeißen wir diese ganzen Begriffe unwissenderweise gerne mal durcheinander. Doch auch der „Anführer“ – je nachdem, wie ausdefiniert diese Bezeichnung überhaupt verwendet wird – ist lediglich ein Teil der Gruppe, und genauso wie der Kapitän einer Fußballmannschaft kann er allein nichts reißen. Aber das Voranmarschieren lässt er sich sicherlich nicht nehmen. Der Erste zu sein, der da auf dem staubigen Boden eines Ackers im Hochsommer in die Reihen der anderen Gruppe, der Gegner, hineinprescht. Schläge verteilt. Die eigene Deckung anschließend hochreißt und vielleicht trotzdem seinerseits Schläge einzustecken hat. Während alle anderen um ihn herum genau das Gleiche tun. Von Adrenalin aufgeputscht und vom vorhergegangenen In-die-Hände-Klatschen und Skandieren von Beleidigungen.

          Wofür das alles?

          Durch den Tunnelblick des Getümmels versucht er einen Blick für Verstöße gegen unausgesprochene, doch jedem bewusste Kodizes zu bewahren. Keine Hilfsmittel. Keine Waffen. Nicht mal ein vom Boden aufgelesener Ast. Und wer unten liegt, der ist tabu, solange er nicht von selbst wieder aufsteht. Oder ist das noch so? War das überhaupt jemals so? Wie sollen wir von außen das beurteilen? Also stülpen wir dem, was wir durch den Türspalt ausmachen können, unsere eigene Wahrnehmung über, leisten gedankliche Transferarbeit aus dem bisschen, was wir wissen, was wir vermuten, was wir gehört oder gelesen haben, was wir auf nicht selten irgendwie perverse Art dazu romantisieren.

          Schließlich ist dieses ganze ominöse Aufeinandertreffen aus Einstecken und Austeilen beendet. Nach vier Minuten. Nach zwei Minuten. Sechzig Sekunden. Dreißig. Und die Männer treten aus der Tür. Umgezogen und ungeduscht. Mit schmerzenden Gliedmaßen. Schrammen, Platzwunden, Schwellungen, womöglich sogar dem ein oder anderen Bruch. Die Daddys und die Türsteher. Die Unternehmer und die Krankenpfleger. Vielleicht sehen wir sie noch gemeinsam die Straße runter in der Eckkneipe einkehren. Auf ein paar Bier und die Übertragung des Spieltags. Denn ein Match findet doch nicht statt, während gerade Fußball läuft. „Kann man ja das Spiel nicht gucken!“

          Und hätten wir genug vom Spionieren von der anderen Straßenseite aus, könnten wir zu ihnen rüberlaufen, sie vor der dicken Kneipentür abfangen und sie nach dem Warum fragen. Wofür das alles? Dann würde der Anwalt abwinken und sagen: „Verstehste eh nich, wenn de nich dabei bist.“ Und so bleiben wir zurück – draußen –, stellen uns selbst die Fragen und versuchen, sie zu beantworten. Zusammenhalt unter Gleichgesinnten. Kameradschaft. Vielleicht nicht ganz unähnlich der in einem Sportverein oder der freiwilligen Feuerwehr. Abwechslung vom drögen, eintönigen Alltag aus Vierzigstundenwoche, Dreischichtarbeit, Familie, Fernsehen und Neubausiedlung. Kämpfen als Ventil. Aggressionsausguss. Warum nicht in den Kickbox-Club in der nächsten Großstadt eintreten? „Da bin ich schon drin.“

          Keine Ahnung, warum. Einfach so.

          Gelegenheit, die paarmal im Jahr, an denen es zum Matchen geht, die in der Muckibude und im Kampfsportverein entwickelten Fähigkeiten zu erproben. Den eigenen Körper zu testen. Wie viel kann man einstecken? Wie viel hält man aus, sowohl physisch als auch psychisch? Kotzt man sich vor Angst auf die eigene Hose oder läuft mit wackelnden Knien weiter? Liegt man nach dem ersten Schlag, oder hat man selbst noch die Kraft zur Erwiderung? Wie viel Power hat man in dem delphinbabydicken Oberarm? Die besten Kumpels machen das auch, also ist man da irgendwie so reingeschlittert. Gelegenheit, den Lokalpatriotismus raushängen zu lassen. Man ist so abgestumpft, dass man nur mal wieder irgendwas spüren will. Ist halt so’n Hobby, wie andere Leute ihren Schrebergarten pflegen. Keine Ahnung, warum. Einfach so.

          Zahlreiche Gründe fallen uns ein, und einige mögen zutreffen. Wer weiß, vielleicht sogar alle. Oder keiner. Wir könnten es hinter der Tür herausfinden. Aber wollen wir das? Wer will schon einen auf die Schnauze kriegen? Möglicherweise verletzt werden? Oder jemand anderen verletzen? Und deswegen stehen wir hier draußen und halten unsere Fußspitze nicht in den Spalt. Wir lassen die Tür zurück ins Schloss fallen.

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