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Hooligans : Einblick in die Kampfzone hinter der Tür

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Wofür das alles?

Durch den Tunnelblick des Getümmels versucht er einen Blick für Verstöße gegen unausgesprochene, doch jedem bewusste Kodizes zu bewahren. Keine Hilfsmittel. Keine Waffen. Nicht mal ein vom Boden aufgelesener Ast. Und wer unten liegt, der ist tabu, solange er nicht von selbst wieder aufsteht. Oder ist das noch so? War das überhaupt jemals so? Wie sollen wir von außen das beurteilen? Also stülpen wir dem, was wir durch den Türspalt ausmachen können, unsere eigene Wahrnehmung über, leisten gedankliche Transferarbeit aus dem bisschen, was wir wissen, was wir vermuten, was wir gehört oder gelesen haben, was wir auf nicht selten irgendwie perverse Art dazu romantisieren.

Schließlich ist dieses ganze ominöse Aufeinandertreffen aus Einstecken und Austeilen beendet. Nach vier Minuten. Nach zwei Minuten. Sechzig Sekunden. Dreißig. Und die Männer treten aus der Tür. Umgezogen und ungeduscht. Mit schmerzenden Gliedmaßen. Schrammen, Platzwunden, Schwellungen, womöglich sogar dem ein oder anderen Bruch. Die Daddys und die Türsteher. Die Unternehmer und die Krankenpfleger. Vielleicht sehen wir sie noch gemeinsam die Straße runter in der Eckkneipe einkehren. Auf ein paar Bier und die Übertragung des Spieltags. Denn ein Match findet doch nicht statt, während gerade Fußball läuft. „Kann man ja das Spiel nicht gucken!“

Und hätten wir genug vom Spionieren von der anderen Straßenseite aus, könnten wir zu ihnen rüberlaufen, sie vor der dicken Kneipentür abfangen und sie nach dem Warum fragen. Wofür das alles? Dann würde der Anwalt abwinken und sagen: „Verstehste eh nich, wenn de nich dabei bist.“ Und so bleiben wir zurück – draußen –, stellen uns selbst die Fragen und versuchen, sie zu beantworten. Zusammenhalt unter Gleichgesinnten. Kameradschaft. Vielleicht nicht ganz unähnlich der in einem Sportverein oder der freiwilligen Feuerwehr. Abwechslung vom drögen, eintönigen Alltag aus Vierzigstundenwoche, Dreischichtarbeit, Familie, Fernsehen und Neubausiedlung. Kämpfen als Ventil. Aggressionsausguss. Warum nicht in den Kickbox-Club in der nächsten Großstadt eintreten? „Da bin ich schon drin.“

Keine Ahnung, warum. Einfach so.

Gelegenheit, die paarmal im Jahr, an denen es zum Matchen geht, die in der Muckibude und im Kampfsportverein entwickelten Fähigkeiten zu erproben. Den eigenen Körper zu testen. Wie viel kann man einstecken? Wie viel hält man aus, sowohl physisch als auch psychisch? Kotzt man sich vor Angst auf die eigene Hose oder läuft mit wackelnden Knien weiter? Liegt man nach dem ersten Schlag, oder hat man selbst noch die Kraft zur Erwiderung? Wie viel Power hat man in dem delphinbabydicken Oberarm? Die besten Kumpels machen das auch, also ist man da irgendwie so reingeschlittert. Gelegenheit, den Lokalpatriotismus raushängen zu lassen. Man ist so abgestumpft, dass man nur mal wieder irgendwas spüren will. Ist halt so’n Hobby, wie andere Leute ihren Schrebergarten pflegen. Keine Ahnung, warum. Einfach so.

Zahlreiche Gründe fallen uns ein, und einige mögen zutreffen. Wer weiß, vielleicht sogar alle. Oder keiner. Wir könnten es hinter der Tür herausfinden. Aber wollen wir das? Wer will schon einen auf die Schnauze kriegen? Möglicherweise verletzt werden? Oder jemand anderen verletzen? Und deswegen stehen wir hier draußen und halten unsere Fußspitze nicht in den Spalt. Wir lassen die Tür zurück ins Schloss fallen.

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