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Hooligans : Einblick in die Kampfzone hinter der Tür

  • -Aktualisiert am

„Fünfzehn Mann auf beiden Seiten“

Die Ausnahme bilden Ausflüge zu Turnieren auf internationaler Ebene: wenn Teile der verschiedenen Szenen in die Austragungsorte von EM oder WM strömen, um alle zwei Jahre die Abgeschiedenheit der Wälder und Äcker hinter sich zu lassen, und die darauf hintrainierenden Daddys durchmischt werden von betrunkenen Daddys, die einfach so da sind, weil es ist ja Länderspiel, und Stühle und Flaschen fliegen. Doch das machen nicht alle, und es ist der Sonderfall: wenn die Szene sich der breiten Öffentlichkeit präsentiert, uns zum Reden über sie und zum Fragenstellen bringt.

Doch auf dem Acker: kein Publikum, keine Schaulustigen, keine Unbeteiligten. Bisweilen mag es verkommen, dass der örtliche Landwirt oder Förster zufällig vorbeikommt, und sollte ihm über sein konsterniertes Kopfschütteln und Ausspucken noch einfallen, 110 zu wählen, werden die Gesetzeshüter bei Ankunft nicht viel mehr vorfinden als Reifenspuren und ein Durcheinander aus Laufschuhabdrücken im Untergrund.

Fußball-EM in Frankreich : Das Hooligan-Problem

Doch wie kommt es überhaupt dazu? Vereinbart per Wegwerf-Mobiltelefon vom Discounter, mit einer jungfräulichen SIM-Karte ausgestattet. Durch ein digitalhermetisches phpBB-Forum am durchgenudelten Internetcafé-Platz erstellt. „Fünfzehn Mann auf beiden Seiten.“ „Wir kriegen aber nur elf zusammen.“ Man wird schon eine Übereinkunft finden. Hauptsache, es wird sich an getroffene Vereinbarungen gehalten.

Schläge, Deckung, Schläge

Eine Seite kümmert sich um die Dokumentation. Vielleicht wird der Müllmann, der letztes Mal keine Leistung gebracht hat, zum Fotografen degradiert. Zum Kameramann. Innerhalb der nächsten Tage gibt es dann den Link zum Bildmaterial, hochgeladen bei einem ausländischen Cloud-Anbieter mit sicherer End-to-End-Verschlüsselung. Kennen sich beide Gruppen nicht gut genug, wird eventuell noch eine jeweils einheitliche Montur ausgemacht: „Wir kommen in Schwarz.“ Vielleicht ist es der Kindergärtner, der das Match vereinbart und organisiert. Vielleicht der Türsteher.

Vielleicht ist auch der Hartz-IV-Empfänger der Anführer. Nicht Capo. Capo ist ein Begriff, der es nicht hinter die für uns verschlossene Tür geschafft hat. Ein Begriff, den wir hier draußen aus Mafiafilmen kennen. Oder eben aus dem Fußballfan-Kontext. Da ist der Capo der Einpeitscher, der Taktangeber, der Waszusagenhaber unter den Ultras. Doch Ultras sind nicht das Gleiche wie Hooligans. Ultras sehen wir nicht an die Tür dort klopfen. Sie stehen auch nicht mit uns auf der anderen Straßenseite. Sie stehen in ihrer Fankurve, in ihrem Stadion, in ihrer, jeder Stadt des Landes und schwenken Fahnen, stemmen Doppelhalter in die Luft, befestigen Banner am Absperrzaun, entfachen Bengalos und peitschen ihre Mannschaft unisono aus voller Kehle an.

Kann ein Ultra auch Hooligan sein oder umgekehrt? Sicher. Warum nicht? Kann ein Capo Hooligan sein? Auch das. Doch wenn er durch die Tür tritt, lässt er die Begriffe Capo und Ultra draußen. Das alles kann mitunter sehr verwirrend auf uns Unbeteiligte wirken, und so schmeißen wir diese ganzen Begriffe unwissenderweise gerne mal durcheinander. Doch auch der „Anführer“ – je nachdem, wie ausdefiniert diese Bezeichnung überhaupt verwendet wird – ist lediglich ein Teil der Gruppe, und genauso wie der Kapitän einer Fußballmannschaft kann er allein nichts reißen. Aber das Voranmarschieren lässt er sich sicherlich nicht nehmen. Der Erste zu sein, der da auf dem staubigen Boden eines Ackers im Hochsommer in die Reihen der anderen Gruppe, der Gegner, hineinprescht. Schläge verteilt. Die eigene Deckung anschließend hochreißt und vielleicht trotzdem seinerseits Schläge einzustecken hat. Während alle anderen um ihn herum genau das Gleiche tun. Von Adrenalin aufgeputscht und vom vorhergegangenen In-die-Hände-Klatschen und Skandieren von Beleidigungen.

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