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Nach Eklat im Landtag : Thüringen ist kein Abfall

  • -Aktualisiert am

Helmut Kohl und Bill Clinton, begleitet vom damaligen thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel am 14. Mai 1998 in Eisenach Bild: Reuters

Mein Land gehört nicht zu Dunkeldeutschland. Aber es hat eine starke Identität und tut nicht immer das, was Berlin will. Schilderungen von einem, der seine Heimat liebt und frohen Mutes in die Zukunft blicken will.

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          Während ich diesen Text schreibe, eröffnet die AfD in meinem Heimatdorf ein neues Wahlkreisbüro des Landtagsabgeordneten René Aust (geboren 1987), der das Direktmandat des Wahlkreises Schmalkalden gewann, obwohl er aus Nordrhein-Westfalen stammt, des Studiums wegen nach Erfurt kam und vor seiner Wahl nur einige Male überhaupt in der Region zu Gast war. Wir Südthüringer fühlen uns stets in Erfurt unterrepräsentiert, manche Orte wollten sich zuletzt schon nach Franken hin abspalten, aber bei der Wahl im letzten Oktober wählte die Mehrheit einen unbekannten Westdeutschen. Vorher gewann hier viermal ein CDU-Kandidat und einmal ein Linker. Dass sie nun also einen „Fremden“ in den Landtag schicken, den hier fast niemand zuvor sah und der sich für die Region in keiner Weise verdient machte, ist nur ein Resultat für jene gewaltige und historische Kräfteverschiebung, die in den vergangenen fünf Jahren in meiner Heimat geschah.

          Das neue AfD-Büro befindet sich im Haus einer Landärztin, die zuvor nur im Ortsteilrat eines kleinen Walddorfs engagiert war und als Respektsperson gilt. Auf die Frage, warum sie nun Politik betreibe, antwortet sie, sie könne die „verrückte Merkel-Politik“ nicht mehr ertragen. Sie sähe jeden Tag die Menschen der umliegenden Dörfer, Minirenten, Engpässe im Gesundheitswesen, und dann würden für Millionen Einwanderer auf einmal Milliarden Euro ausgegeben? Im regionalen Krankenhaus sei der Großteil der Ärzte zudem mittlerweile nicht mehr Deutsche, manchmal könne sie die handschriftlichen Dokumente rein sprachlich nicht entziffern. Als die ARD am Abend der Landtagswahl von der AfD-Party in Erfurt berichtet, lief die Landärztin fröhlich durch das Fernsehbild, jene Ärztin, die meiner Großmutter das Leben rettete, als sie einmal in ihrer Praxis mit einer Herzattacke zusammenbrach, und mir als Kind viele Erkältungen wegzauberte.

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