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Amerika nach der Trump-Wahl : Die Angst vor der weißen Wut

Donald Trump gibt seinen weißen Zuhörern Vorwahlversprechen (im Februar in Valdosta, Georgia) Bild: AP

Schwarze, Hispanics, Muslime, sexuelle Minderheiten - viele von ihnen haben nach Donald Trumps Wahlerfolg schlichtweg Angst. Sie scheint nicht unbegründet. Auch das ist neu nach dieser Wahl.

          5 Min.

          Durch das Städtchen Riviera Beach in Florida zieht sich seit ein paar Monaten auf einer Strecke von zwei Meilen der „President Barack Obama Highway“. Entlang einer Eisenbahnstrecke grenzt er ein Viertel, das vor allem von Schwarzen bewohnt wird, von dem überwiegend weißen ab. An einer Stelle kreuzt der President Barack Obama Highway den Martin Luther King Boulevard. Das ist einmalig im ganzen Land und der Stolz des Bürgermeisters. Früher hieß die Straße Old Dixie Highway.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Riviera Beach hat in der Präsidentenwahl überwiegend für Hillary Clinton gestimmt. 56,51 Prozent der Stimmen fielen auf sie. Die Enttäuschung über den Ausgang insgesamt kann man sich vorstellen. Und auch das mulmige Gefühl im schwarzen Teil der Bevölkerung, war doch schon die Straßenumbenennung derart massiv begleitet von rassistischen Warnungen in Richtung des Bürgermeisters, dass dieser das FBI einschalten musste. Das war im Dezember des letzten Jahres.

          „We are scared“

          Ein Viertel von Riviera Beach, Monroe Heights, in dem die Bevölkerung zu mehr als neunzig Prozent schwarz ist, wurde in den vierziger Jahren mit einer Ziegelmauer von seinen weißen Nachbarn getrennt. Etwa zu dieser Zeit, erinnert sich eine Bewohnerin, von einem Fernsehteam befragt, brannte dort eines der weißen Kreuze des Ku-Klux-Klans. Ol’Dixie - der Straßenname steht für Bigotterie, Sklaverei, Lynchmorde. „Ein Segen“, sagte der Bürgermeister Masters dem örtlichen Fernsehsender, als das alte Schild abgehängt wurde, „dass wir daran nicht mehr täglich vorbei müssen“, und zeigte stolz auf das neue.

          Ich weiß nicht, wie es in diesen Tagen in Riviera Beach aussieht. Wie sich die alte Frau fühlt, deren Großvater an einem Baum aufgeknüpft wurde. Ich weiß nicht, ob es in dieser Gegend ist, dass in den Vorgärten schwarze Strohpuppen in Brand gesetzt und Schwarze mit Namen beschimpft werden, wie sie zum Wortschatz des gerade gewählten Präsidenten des Landes zählen. Aber ich weiß, dass der Ausgang dieser Wahl in Teilen der Wählerschaft von Hillary Clinton und bei denen, die trotz aller Aufrufe dann doch nicht gewählt haben, mit einem Gefühl einhergeht, das für einen demokratischen Wahlausgang in einem zivilisierten Land außerordentlich ist: Angst. „We are scared“, so läuft es seit Mittwoch über Hunderte Twitteraccounts und bei Youtube. Schwarze, Homosexuelle, Muslime, Hispanics, sie alle haben Grund, überaus besorgt zu sein. NBC hat die Zahlen dazu geliefert. Über Trumps Wahl zeigten sich vier Prozent der schwarzen Wähler insgesamt „excited“, vier Prozent immerhin noch optimistisch - das sind die acht Prozent der schwarzen Bevölkerung, die für ihn gestimmt haben -, aber 68 Prozent gaben an, sie hätten Angst. Der Rest ist immer noch „besorgt“.

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          Angst statt Wut

          Die Eruption von Fällen von Gewalt und Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den vergangenen Jahren, die vielen Todesfälle, die zum großen Teil ungesühnt blieben, das ist schlimm genug. Präsident Obamas Reaktionen haben viele Schwarze enttäuscht, bis er in Charleston in South Carolina nach der Ermordung von neun Menschen dort eine erschütternde Rede hielt, die er mit dem Sklavenlied „Amazing Grace“ beendete. Wie wird Trump reagieren, wenn wieder Unschuldige Opfer von Polizeigewalt werden? Trump, dessen enger Berater in Sicherheitsfragen der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani ist, der das „racial profiling“ in New York immer verteidigt hat? Der heute immer noch sagt, die Gewalt gehe vom schwarzen Mann aus?

          Graffiti auf dem Jefferson-Davis-Memorial in Richmond
          Graffiti auf dem Jefferson-Davis-Memorial in Richmond : Bild: AP

          „Hätte“ ist selten ein hilfreiches Wort in der politischen und gesellschaftlichen Debatte, aber: Hätte Hillary Clinton die amerikanische Präsidentenwahl gewonnen, wären viele Menschen außer sich vor Wut gewesen. Viele hätten sich abgewendet und einander bestätigt, gegen das Washingtoner Establishment sei eben nicht anzukommen. Es hätte vermutlich weitere Verdächtigungen gegen sie gegeben, Korruption sei bei ihrem Wahlsieg im Spiel gewesen. Menschen hätten gezetert, vielleicht auch randaliert. Aber niemand hätte Angst gehabt. Nicht vor ihr, nicht davor, was sie tun würde, nachdem sie vereidigt wäre. Davor, dass ihm Rechte entzogen würden. Denn es sind nicht nur die gebildeten, wohlhabenden Schichten in den Großstädten, die Toleranz predigen und jetzt verloren haben. Sondern jene Minderheiten, die Trump nicht müde wird zu beschimpfen, zu beleidigen und in den Dreck zu ziehen.

          Auch als Präsident Obama gewählt wurde, hatten seine Gegner keine Angst. Ärger, Verachtung und eine Riesenwut, das ja. Aber niemand musste realistischerweise fürchten, ihm würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Niemand musste fürchten, seine Art zu leben hätte in den Vereinigten Staaten keinen Platz mehr und dürfte mit keinem Schutz mehr rechnen. Kein mühsam erkämpftes, inzwischen verbürgtes Recht war in Gefahr, wieder entzogen zu werden. Niemand brauchte Angst davor zu haben, wegen seiner Rasse, seiner Herkunft, seiner Religionszugehörigkeit, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung respektlos behandelt, ausgegrenzt, bedroht zu werden.

          Weiße Wut im Schutz des höchsten Amts

          Dass sich der weiße Mann der bröckelnden Mittelklasse von einem aristokratisch wirkenden Schwarzen, der besser aussieht, besser denkt und spricht, narzisstisch bedroht fühlte, lag damals auf der Hand wie heute. Immer hat der weiße Mann zurückgeschlagen und jeden Sieg im Kampf um gleiche Bürgerrechte mit dem beantwortet, was schwarze Intellektuelle wie Carol Anderson von der Emory University „white rage“ nennen. Nach dem Sieg des Nordens im Bürgerkrieg brach sich die weiße Wut in sogenannten „Black Codes“ Bahn, die die gerade erst befreiten Sklaven wieder zur Zwangsarbeit verdammten. Gesetze gegen den Terror des Ku-Klux-Klans wurden vom Obersten Gerichtshof verhindert. 1956 wurde die historische Entscheidung gegen Rassensegregation an den Schulen (Brown vs Board of Education), um die viele jetzt wieder fürchten, sollte Trump einen seiner rechtsradikalen Freunde in den Supreme Court berufen, in zahlreichen Staaten mit Gesetzen unterlaufen, die den Schulen mit gemischten Klassen die Gelder sperrten. Von Beginn an versuchten einzelne Staaten, das Wahlrecht für Schwarze mit Behinderungen und Schikanen wie Lesetest und Ausweispflicht zu konterkarieren. Und die Wahl Obamas vor acht Jahren wurde abermals mit einer Welle des Rassismus beantwortet, die in der Entscheidung für Trump als nächsten Präsidenten ihren Höhepunkt findet. Weiße Wut im Schutz des höchsten Amts im Staat, damit haben wir es jetzt zu tun. Wobei sich das, was weiße Wut heißt, nicht nur gegen Schwarze, sondern gegen alle richtet, die anders sind.

          Ein Richtungswechsel im Supreme Court ist höchst wahrscheinlich
          Ein Richtungswechsel im Supreme Court ist höchst wahrscheinlich : Bild: AP

          Und so kommt mit der Wahl von Donald Trump eine begründete Angst. Die Angst vor realer Gewalt der Rechten, die mit rassistischen und antisemitischen Parolen für Trump in den Wahlkampf gezogen waren und sich in ihrer Haltung bestätigt finden, legitimiert möglicherweise. Es sind Dämme gebrochen, zivilisatorische Normen außer Kraft gesetzt, Umfangsformen in den Staub getreten worden, und es gibt keinen Grund anzunehmen, nun, da das Ziel erreicht sei, werde der Ton sich grundsätzlich ändern. Die Männer, mit denen Trump sich umgibt und die mit ihm das Sagen haben werden - Chris Christie, Rudolph Giuliani, Mike Pence, Newt Gingrich -, bilden ein Horrorkabinett ressentimentgetränkter Advokaten gekränkter weißer Männlichkeit. Warum sollten sie hinter Positionen zurückfallen, die sie dahin gebracht haben, wo sie gerade angekommen sind?

          So kann Faschismus seinen Anfang nehmen

          Viele Hispanics mit unvollständigen Papieren fürchten, der gewählte Präsident, einmal im Amt, werde seine Deportationsdrohung wahr machen und ihre Familien auseinanderreißen. Muslime fürchten, umstandslos als Terroristen angesehen zu werden. „Wir haben alle Angst“, so zitiert die „New York Times“ einen Gesprächspartner nach dem nächsten, nicht nur vor Deportation, sondern vor Rundumüberwachung von Moscheen und Wohnvierteln. „Wir haben Angst“, das ist das Mantra des Artikels, für den Reporter der Zeitung in schwarze und Latino-Viertel ausgeschwärmt sind, an Universitäten mit Muslimen und in Beratungsstellen mit Vertretern von Menschenrechts- und LGBT-Gruppen (die lesbische, gay, also schwule, bi- und transsexuelle Menschen vertreten) gesprochen haben.

          David Remnick hat im „New Yorker“ geschrieben: „Unsere Zukunft ist nicht der Faschismus; das kann nicht sein, und wir können es nicht zulassen. Aber so kann Faschismus seinen Anfang nehmen.“ Ja, es sind auch die New Yorker, die aufgeklärten, klugen, arroganten, gebildeten, kosmopolitischen, coolen New Yorker, die diese Wahl verloren haben. Sie werden sich zu wehren wissen. Es sind aber vor allem jene Schwarzen, Latinos, Einwanderer ohne Papiere, Muslime, Homosexuelle, Transmenschen, deren Rechte jetzt in Gefahr sind, um die wir fürchten müssen und die gegen die Phalanx wütender weißer Männer Schutz brauchen. Unseren Schutz, so sagen es aufgeklärte, kluge, arrogante, kosmopolitische, coole Hillary-Clinton-Wähler, die ihr Land, so nannte es eine Freundin, gerade „sterben sehen“.

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