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Trauerfeier für Helmut Kohl : Die Kanzlerin singt A und O

Bei der Trauerfeier für Helmut Kohl: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der CDU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder (von links). Bild: AFP

Die Messe für Helmut Kohl in der Hedwigs-Kathedrale war ein würdiger Versuch der Berliner Politik, Abschied vom früheren Kanzler zu nehmen. Doch auch ihn überschattet der Zwist in der Familie.

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          Jeder, der wollte und konnte, sang sie mit, die siebte Strophe von „Wie schön leuchtet der Morgenstern“: „Wie bin ich doch so herzlich froh, dass mein Schatz ist das A und O, der Anfang und das Ende!“ Gestern Morgen um sieben Uhr dreißig also ein weiterer würdiger Versuch, von Helmut Kohl auch in Berlin Abschied zu nehmen. Eine Messe in der Hedwigs-Kathedrale – dabei waren Frank-Walter Steinmeier, Angela Merkel, Norbert Lammert, Claudia Roth, etliche Minister, Thomas Oppermann.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Obwohl damit ein weiteres Mal in Berlin seines Vaters gedacht wurde (schon am vergangenen Donnerstag hatte es unter Lammerts diplomatischer Regie eine Trauerzeremonie im Bundestag gegeben), ging Kohls Sohn Walter auch bei dieser Messe gleichsam leer aus. Hatte er sich doch einen ökumenischen Gottesdienst erbeten, nein: final gefordert, und zwar am Brandenburger Tor und in Kombination mit einem deutschen Staatsakt. Nun ist es hier, immerhin in Berlin, eine katholische Messe geworden, schlicht und einfach deshalb, weil Helmut Kohl Katholik war, erklärte der zelebrierende Prälat Karl Jüsten, wie bei Helmut Schmidts Tod eben ein evangelischer Gottesdienst gefeiert worden sei.

          Tatsächlich erteilte die Witwe Maike Kohl-Richter ihre Zustimmung, als Volker Kauder die Möglichkeit dieser Messe mit politischer Prominenz sondiert hatte. So gab die Witwe Berlin als Kohl-Zone frei, ohne einen deutschen Staatsakt billigen zu müssen. Claudia Roth fand danach, die Messe sei ja wohl das mindeste, was in Berlin für Kohl drin sein müsse. Hatte die Kanzlerin, als sie das A und O hoch hinaus in die Kuppel der Hedwigs-Kathedrale sang, hatte sie da die Vision des massigen Rückens von Walter Kohl vor Augen, wie er vor der Türe des väterlichen Hauses in Oggersheim vergeblich auf Einlass wartete? Das Foto ist ja unter der Hand zum Emblem des familiären Zerwürfnisses geworden.

          Über jeder Protokollfrage, die Trauerfeierlichkeiten und die Beerdigung Kohls betreffend, lastet von A bis Z die bekannte Spinnefeindschaft: Die Witwe will das eine, die Söhne wollen das andere; die erste hat das Sagen, die Letzteren haben das Nachsehen, und über der ganzen Szenerie schwebt als Geist aus dem Off der Journalist Kai Diekmann, lenkend und leitend, ehemaliger „Bild“-Chef, Helmut Kohls langjähriger Freund und Maike Kohl-Richters Vertrauter. War es Dieckmann, der seinen Segen gab für das Lied „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, dessen erste und siebte Strophe in der Hedwigs-Kathedrale gesungen wurden? Dann wäre ihm in Sachen Kohl ein letzter großer Coup gelungen. Der Plot hinter der musikalischen Inszenierung hätte etwas Geniales: Man versammle die Stimmen, die Kohl im strittigen Dreieck von Berlin, Speyer und Straßburg besingen, in einem Gesang der äußersten Ungleichzeitigkeit. Es hätte ja stattdessen auch die Möglichkeit bestanden, in die reichgefüllte Liederkiste schöner ökumenischer Gleichzeitigkeit zu greifen, von „Danke, für diesen guten Morgen“ bis „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt“. Nichts von alledem. Stattdessen hat irgendjemand sehenden Auges „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ auf die Agenda des Liederzettels gesetzt. Wie sangen daher gestern die Spitzen unseres Staates zu Ehren von Helmut Kohl, sich in die christologische Frömmigkeitsgeschichte stellend: „Mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen, lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich von Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben!“

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          Dieses durch und durch christusbezogene Lied vom Ende des sechzehnten Jahrhunderts nimmt antike Elemente der Herrscher-Panegyrik auf, wie sie sich im Christus-Motiv als All- oder Weltenherrscher, als Pantokrator niederschlagen; zugleich knüpft es an die affektive Christus-Verehrung der mittelalterlichen Mystik an: „Nach dir ist mir, gratiosa coeli rosa \[anmutige Himmelsrose\], krank und glimmet \[schwelbrandartig, dräuend leidend\] mein Herz, durch Liebe verwundet.“ Wie ungleichzeitig in alle Richtungen das ist! In der Theologie hat sich die Idee der Nachfolge Christi im Sinne einer libidinös aufgeladenen Gefolgschaft schon lange erledigt; mystische Anwandlungen gelten hier als unziemlich, wo es doch im Zweifel um die Rettung der Erde geht. Nicht minder inkommensurabel sind die Strophen für das Selbstverständnis des säkularen Gemeinwesens, dessen Regierende da gestern früh den Morgenstern leuchten ließen. Und auch von Helmut Kohl selbst ist nicht bekannt, dass sein Selbstbild als europäischer Herrscher in irgendeiner Weise pantokratisch inspiriert war, Karl V. gleich.

          Wie man es auch dreht und wendet und egal, ob Kai Diekmann oder doch nur Prälat Jüsten die souveräne Liedauswahl traf: Mit „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, diesem gänzlich aus der Zeit und zumal der aktuellen gedenkpolitischen Konfliktsituation gefallenen Lied, wäre in einem hochartistischen Trauergesang zum Ausdruck gebracht, dass Verständigung in der Causa Kohl, die innerfamiliäre wie die gesamtgesellschaftliche, tatsächlich nur noch im Außerweltlichen eine Chance hat.

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