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Nach der Stadtschlossentscheidung : Und hinter jedem Schloss ein Riegel

  • -Aktualisiert am

Fassade des geplanten Neubaus des Humboldt-Forums nach den Plänen Francesco Stellas Bild: ddp

Jetzt, da die Entscheidung zum Stadtschlossentwurf gefallen ist, breitet sich aggressive Ratlosigkeit aus. Das Durcheinander an Meinungen und Interessen, das nun laut wird, haben die Befürworter des Schlosses nicht gewollt. Jetzt müssen sie es ertragen.

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          In Berlin ist nun also am Freitag entschieden worden, wer das Stadtschloss wieder aufbauen darf. Alle sind sehr glücklich mit der Entscheidung. Am allerglücklichsten über die Entscheidung war aber mit Abstand Ingo Zamperoni, der in der ARD das Nachtmagazin moderiert. Denn Zamperoni konnte so endlich einmal unter Beweis stellen, wie schön sein Italienisch klingt. Begeistert fragte er den Architekten Francesco Stella, wie überrascht und glücklich er sei über die Aufgabe im fernen Berlino. Stella schien kein bisschen überrascht, und wenn er glücklich war, dann auf eine sehr strenge und rationalistische Weise; großer Überschwang, so viel wurde hier schon mal klar, ist von dem Mann nicht zu erwarten. Er antwortete einsilbig; man sah, dass er fror. Auch Vicenza kann ganz schön kalt sein im Winter. Ein leiser Mann stand da und hielt sich den Mantel zu; beinahe sah es so aus, als läge da etwas durchaus Sorgenvolles in seinem Blick. Immerhin Zamperoni blieb unbeirrt euphorisch.

          Wolfgang Tiefensee freute sich ebenfalls. Darin stand ihm der Kulturstaatsminister Neumann kaum nach. Vittorio Magnano Lampugnani, der der Jury vorgesessen hatte, sagte, er sei nun froh. Und auch Wilhelm von Boddien, der Initiator des Schlossneubaus, war sehr, sehr glücklich. Und wir?

          Wer ist überhaupt dieser Stella?

          Wir erklären jetzt auch einfach mal, dass wir sehr, sehr, SEHR glücklich und zufrieden seien mit dieser Entscheidung. Wir wollen, dass das jetzt so gebaut wird, und dann wollen wir bitte nie, nie, NIEMALS wieder irgendetwas davon hören. Schluss mit der Schlossdebatte, wir können es nicht mehr hören, wir haben auch noch anderes zu tun.

          Wer ist eigentlich Franco Stella?

          Gern wären wir wie die Kollegen, die das immer so vorbildlich draufhaben: dieses Strammstehen, sobald es vom Schlossplatz her tönt. Auch wir wollen uns ja gerne um den nötigen staatsbürgerlichen Ernst bemühen. Aber wenn wir mal ehrlich sind – wissen Sie, was wir hier in der Redaktion gedacht haben, als am Freitagnachmittag das Siegermodell enthüllt wurde?

          Ach was, haben wir gedacht.

          Und: Wer ist überhaupt dieser Stella? Zuerst klang es wie Frank Stella, der Künstler; der hatte ja tatsächlich auch schon mal einen Bau entworfen, ein Museum für die Sammlung Hoffmann in Dresden, der durfte dann aber nicht gebaut werden, weil er zu bunt und überkandidelt war. Derartiges kann man von diesem Stella hier aber nicht behaupten. Vor allem die von ihm entworfene Ostfassade gab uns zu denken. Friedbert Pflügers Rache für die Schließung von Tempelhof, meinte ein Kollege. Und ein anderer fragte, ob das dieser Neubau an der Friedrichstraße sei, mit der Filiale von Douglas drin.

          Es wird noch schlimmer

          So viel zu den ersten Eindrücken. Natürlich erkennt man auch die Qualitäten, wenn man sich die Sache genauer anschaut, und natürlich ist speziell der uffizienartige Durchgangshof zwischen Lustgarten und dem eigentlichen Schlossplatz eine schöne Idee. Es lässt sich sogar das historisch Bedeutsame spüren, wenn nun verkündet wird, dass ein Schüler Aldo Rossis tun darf, was diesem in Berlin nicht mehr vergönnt gewesen ist, auch noch einer aus Vicenza, und das fast auf den Tag genau fünfhundert Jahre nach dem angenommenen Geburtsdatum von Palladio. Denn es ist ja eigentlich nicht so sehr eine Paraphrase auf den Barock Schlüters, was Stella da gezeichnet hat, es ist eher die gewaltsame Architektur des italienischen Manierismus, aufs Allernötigste heruntergerechnet.

          Aber es hilft nichts, das erste Gefühl bleibt: diese leichte, verblüffte Enttäuschung. Und man hat den Eindruck, dass sich jetzt alle vor allem deshalb so tapfer glücklich reden, weil sie Angst haben, dass dieses Gefühl nicht weggehen wird – und mit jedem Baufortschritt womöglich sogar noch anwachsen. Wir hätten wirklich gern, dass jetzt endlich Ruhe ist, glauben aber natürlich selbst nicht dran.

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