https://www.faz.net/-gqz-7pt39

Nach der Europawahl : Frankreich braucht ein blaues Wunder

War der Europawahlsieg der Anfang vom Ende des ideologischen Einflusses des „Front Nationale“? Bild: dpa

Abgrenzung statt Anbiederung: Warum der Sieg des „Front National“ bei der Europawahl für die bürgerliche Rechte eine Befreiung sein kann.

          Kommunismus und Gaullismus waren die politischen Weltanschauungen, die Frankreich nach 1944 beherrschten. Sie waren die innenpolitischen Gewinner des Zweiten Weltkriegs und gemeinsam darum bemüht, die Niederlage von 1940 zu überspielen, die Kollaboration zu verdrängen, eine Gesellschaft ausschließlich aus dem Geist der Résistance zu gestalten und die Illusionen der vierten Siegermacht aufrechtzuerhalten. Die Literatur war „engagiert“, die Kultur stand unter der Hegemonie des Marxismus und hatte die Revolution zum Ziel.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Mai 1968 - ein Aufstand gegen die Lügen der Vergangenheit - leitete den Niedergang des Kommunismus wie des Gaullismus ein. Im Jahr danach trat General de Gaulle zurück. Langsam kehrte die Wahrheit über Vichy ins Bewusstsein zurück. Den größten Schock löste allerdings Solschenizyns „Archipel GULag“ über die sowjetischen Lager aus, mit ihm begann die Überwindung des Marxismus. 1978 wurde zum Jahr der großen Wende. Bei der Parlamentswahl galt der Sieg der vereinigten Kommunisten (mit Marchais) und Sozialisten (mit Mitterrand) als ausgemacht. Unvermittelt betraten die von Marx und Mao abgekommenen „Neuen Philosophen“ (Bernard-Henri Lévy, André Glucksmann) die Bühne und malten das Schreckgespenst eines roten Totalitarismus an die Wand.

          Der Philosoph Jean-Marie Benoist trat zum ideologischen Schauwahlkampf gegen den KPF-Zentralsekretär Georges Marchais an. Politisch nicht besonders aktive Denker und Dichter von Ionesco bis Claude Lévi-Strauss kämpften „Für ein Europa der Freiheiten“ und gegen die Linke. Sie verlor - aber erstmals überholten die Sozialisten damals die Kommunisten. Im gleichen Jahr erschien François Furets Werk über das Ende der Revolution. Raymond Aron gründete gegen die befürchtete linke Machtübernahme die Zeitschrift „Commentaire“.

          Schweinefleisch in den Kantinen, Säuberung der Bibliotheken

          Doch die antimarxistische Läuterung ebnete François Mitterrand den Weg in den Elyséepalast. Reminiszenzen an Vichy spielten bei der Entscheidung ebenfalls eine Rolle. Mitterrand verkörperte die Résistance, erst später kam seine braune Vergangenheit ans Licht. Ohne Not holte er die Kommunisten in die Regierung und beschleunigte deren Niedergang, der als seine große historische Leistung gewürdigt wird. Das Klima war fortan antitotalitär: Die Neuen Philosophen bezichtigten die deutsche Friedensbewegung des Defätismus vor dem roten Totalitarismus und bezeichneten die Pazifisten als „Juden des Dritten Weltkriegs“. Fortan ging es darum, Genozide und ethnische Säuberungen im Voraus zu verhindern. Saddam Hussein und Slobodan Milosević wurden mit Hitler gleichgesetzt. Diese Logik blieb bis zum Krieg gegen Gaddafi, den Bernard-Henri Lévy und Nicolas Sarkozy erwirkten, prägend.

          Der Triumph Mitterrands hatte die französische Rechte fast so sehr erschüttert wie der Sieg der Volksfront 1938. Sie entdeckte die „Neue Rechte“ um Alain de Benoist, die mit Gramsci die politische Machtergreifung auf dem Weg über die Kultur propagierte. Der nach 1945 wegen Kollaboration verurteilte Verleger Robert Hersant erschloss, ebenfalls 1978, im neu gegründeten Magazin des „Figaro“ über Nacht dem neofaschistischen Gedankengut ein Millionenpublikum - es war, als ob die Schleusen geöffnet und alle nach 1945 errichteten Dämme einbrechen würden.

          Mit der kulturell ausgerichteten „Neuen Rechten“ kehrte die politische, extreme Rechte in die Arena zurück: Mitterrand führte nach seinem Amtsantritt das Verhältniswahlrecht ein und förderte damit das Aufkommen von Jean-Marie Le Pens „Front National“, der kleine Teilsiege erringen konnte, die jedes Mal ein nationales Psychodrama auslösten. In den eroberten Kommunen wurde dann der rechte Kulturkampf geprobt: Schweinefleisch in den Kantinen, Säuberung der Bibliotheken.

          Weitere Themen

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Sie finden mich also gruselig?

          Erzählungen von Joey Goebel : Sie finden mich also gruselig?

          Ein Stalker wirft sich einem anderen in den Weg, eine Lehrerin holt ihren Lieblingsschüler von einer Party ab: In „Irgendwann wird es gut“ hat Joey Goebel eine neue Balance von Satire und Zärtlichkeit gefunden.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.