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Nach der Ditib-Absage : Halbmondritter Wallraff zieht gen Ankara

Auf dem Sprung nach Ankara: Günter Wallraff Bild: dpa

Nachdem die Ditib seinen Vorschlag abgelehnt hat, in der Kölner Moschee aus Rushdies „Satanischen Versen“ zu lesen, will Günter Wallraff in Ankara für sein Vorhaben werben. Er sei schon einmal in der Türkei erfolgreich gewesen, erinnert der Autor und Aktivist.

          Der Vorschlag von Günter Wallraff, in der Kölner Moschee aus dem Roman „Satanische Verse“ von Salman Rushdie zu lesen (siehe auch: Rushdie lesen: Günter Wallraff verhandelt mit der Ditib), wird von der Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) abgelehnt. In einer Pressemeldung, in der sie die jüngsten Todesdrohungen gegen den Schriftsteller „auf das Schärfste“ verurteilt, teilt die Ditib mit, man habe sich bei dem letzten gemeinsamen Treffen vor knapp zwei Wochen über den Charakter einer solchen Veranstaltung nicht einigen können: „Eine Lesung auf dem Moscheengelände kommt aus Sicht der Ditib sicherlich nicht in Frage.“

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Darauf angesprochen, warum die Absage erst jetzt bekannt werde, sagte Wallraff im Gespräch mit dieser Zeitung, dass er die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe. Er werde im Oktober nach Ankara fliegen, um im Amt für religiöse Angelegenheiten vorstellig zu werden, dessen verlängerter Arm die Ditib sei: „Ich bin hartnäckig; das ist eine Chance zur Integrationsförderung, die man nicht einfach begraben sollte.“ Wenn es nach dem Ditib-Dialogbeauftragten Bekir Alboga und einigen anderen gegangen wäre, so Wallraffs Einschätzung, „hätten wir das schon geschafft“, doch sei deren Initiative vom Präsidenten verhindert worden.

          „Eines habe ich bereits erreicht“

          Wallraff erinnerte daran, dass seine Beharrlichkeit schon einmal bei einem Projekt in der Türkei zum Erfolg geführt habe, als er dort Anfang der neunziger Jahre politische Gefangene besuchen und deren Situation darstellen wollte: Erst sei ihm der Zutritt vom Justizministerium verweigert worden - „vorgeschoben wurden Sicherheitsgründe“ -, doch als er dann gesagt habe, „dann muss ich mir leider etwas einfallen lassen wie damals im faschistischen Griechenland“ (wo sich Wallraff 1974 auf dem Syntagma-Platz in Athen ankettete und zu vierzehn Monaten Haft verurteilt wurde), sei er am nächsten Tag in alle Gefängnisse gekommen. „Ich konnte Hafterleichterungen erwirken und einen Gefangenen, der mit Folter gebrochen wurde, sogar herausholen.“

          Wallraff hält sich auf seine Beharrlichkeit einiges zugute: „Eines habe ich bereits erreicht, und das ist schon was: Zum ersten Mal hat nach den Gesprächen, die wir geführt haben, eine islamische Gemeinde, noch dazu die größte in Deutschland, sich eindeutig gegen die Fatwa ausgesprochen.“ Über den Ort der Lesung habe er „flexibel“ verhandelt und den Einwand, wenn viele Gläubige kämen, werde das ganze Gemeindezentrum zum Sakralbereich, mit dem Vorschlag entkräftet, auf dem Parkplatz ein großes Zelt auf seine Kosten aufbauen zu lassen, um dort Lesung und Diskussion abzuhalten: „Wieder gab es Stirnrunzeln, das sei schließlich alles Moschee.“ Als ihm dann die Bibliothek gezeigt worden sei, habe er lauter prächtige Lederbände, „die gesamte Weisheit des gesamten Islam“, und Traktatschriften gesehen: „Das erinnerte mich sehr an meine Pfarrbücherei in den fünfziger Jahren, die nur aus Heiligenlegenden bestand. Ich habe der Ditib daraufhin eine große Bücherspende mit Werken der Weltliteratur angeboten, die alle dem Humanismus verpflichtet sind.“

          Auch seinen Vorschlag, die Ausstellung des Fotografen Christoph Krackhardt, zu der Porträts von Cat Stevens alias Yusuf Islam wie auch von Ralph Giordano oder Alice Schwarzer gehören, aus der Gemeinde St. Theodor in Köln-Vingst nach Ehrenfeld zu übernehmen, habe die Ditib erst befürwortet und dann ohne Begründung abgesagt. Wallraf bestätigte den Eindruck, dass die Ditib kein homogener Verein sei (siehe auch: Ditib: Die Minaretthöhe in Köln bleibt bei 55 Metern): „Wenn die Jüngeren zu bestimmen hätten, würde da einiges anders aussehen.“ Zu den Todesdrohungen, die eine Al Qaida nahestehende Organisation im Internet gegen ihn ausgesprochen hat, meinte Wallraff nur: „Ich finde das zu viel der Ehre. Da haben sich andere viel mehr qualifiziert. Ich ignoriere das.“ Im übrigen sei er in einer neuen Rolle untergetaucht: „Das ist die beste Absicherung.“

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