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Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

Tony Blair 2007 in London Bild: AFP

Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          3 Min.

          Wie die bunten Steinchen im Kaleidoskop, die sich beim Drehen immer neu arrangieren, sind die Farben auf der Wahllandkarte Britanniens über Nacht durchgeschüttelt worden. Im Nachhinein hat sich der Gag des mit einem Bagger durch eine Styroporwand krachenden Premierminister als sinnbildlich erwiesen, nur nicht so wie es gemeint war. Die Inszenierung sollte zeigen, dass ein konservativer Sieg die politische Blockade in Westminster zerschmettern und den Brexit erledigen werde. Tatsächlich aber ist Boris Johnson mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht in einer Wahl, die mit dem Labour-Sieg von 1945, dem Einzug Margaret Thatchers in Downing Street vor vierzig Jahren sowie dem Anbruch der Ära von Tony Blairs New Labour 1997 eine Wende in der britischen Nachkriegsgeschichte darstellt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Gestern zeichneten sich bereits neue Risse im zunehmend fragilen Gefüge des Vereinigten Königreiches ab. Nicola Sturgeon, die Erste Ministerin Schottlands fühlt sich durch den überragenden Erfolg ihrer nationalistischen Partei in ihrem Streben nach einem neuerlichen Unabhängigkeitsvotum bestärkt. Und zum ersten Mal in der Geschichte Nordirlands haben nationalistische Parteien mehr Sitze erlangt als die Befürworter der Union mit England. Der Sonderstatus, den Nordirland ungeachtet der Beteuerungen Johnsons durch das von ihm ausgehandelte Brexit-Abkommen erhält, verletzt die Unionisten in ihrem kulturellen Selbstverständnis. Sie zahlen den Preis für den als Verrat empfundenen Kompromiss zur Verhinderung einer harten inneririschen Grenze. Nun wird es statt dessen in der irischen See eine Zollgrenze zwischen England und Nordirland geben.

          Regierung des Volkes

          Wer zuletzt in den Wahlkreisen des Nordostens unterwegs war, konnte nicht überrascht sein, dass die Konservativen eine rote Bastion nach der anderen eroberten. Oder, anders gesagt: dass Corbyns Labour-Party alte Festungen, wie Don Valley, Bolsover und Bishop Auckland verloren hat, weil sich Stammwähler in der Arbeiterschaft im Stich gelassen fühlen von der „metropolitanen Elite“ in Westminster. Johnsons Parole „Get Brexit Done“ hat in diesen den Brexit aus Frust über Jahrzehnte des Niedergangs mehrheitlich befürwortenden Regionen ebenso wirksam eingeschlagen wie vor drei Jahren der Aufruf „Take Back Control“ der Brexit-Kampagne.

          Für ihren Sieg hatten die Tories bereits eine neuen Spruch parat. Sie wollen das polarisierte Land einen, indem sie sich als „the people’s government“ anpreisen, als Regierung des Volkes. Das Schild prangte am Freitag bereits groß hinter Boris Johnson an der Wand, als sich der Sieger mit seiner ersten Ansprache ans Volk richtete und versprach, die Wähler hinter der roten Mauer mit einer „massiven Steigerung“ von Investitionen im Gesundheitswesen und der Infrastruktur für Jahrzehnte der Vernachlässigung zu entschädigen. Ohne seinen Namen zu nennen, bezog sich Johnson auf Benjamin Disraelis Vorstellung des die Kluft zwischen Arm und Reich schließenden „One-Nation“-Konservatismus, wie ihn der viktorianische Premier in seinem Roman „Sybil“ formulierte. Darin hatte er das kollektive Gedächtnis der Nation beschworen und in Aussicht gestellt, dass der Toryismus in einer mangels anderer Fertigkeiten nur nach Wohlstand trachtenden Zeit des politischen Materialismus wiederauferstehen werde, um die Krone zu stärken, den Menschen Freiheit zu bringen und zu verkünden, „dass Macht bloß eine Pflicht habe – das soziale Wohl des Volkes zu sichern.“

          Blairs Popularisierungseifer

          Der „One-Nation“-Konservatismus ist ein Schlagwort, das die Tories regelmäßig bemühen, wenn sie sich der Zuschreibung widersetzen wollen, dass sie nur den Reichen dienten. Das unterstellt Corbyn den Konservativen, der seinerseits Labour mit dem von Shelley geborgten Spruch als die „Partei der vielen, nicht der wenigen“ anpreist. In diesem Zusammenhang ist bezeichnend, dass die Tories ihre neue Parole von der Regierung des Volkes direkt von Tony Blair übernommen hat, der beim Tod von Diana Spencer nicht nur den Begriff „Prinzessin des Volkes“ prägte, sondern in seinem Modernisierungs- und Popularisierunseifer das Wort einstreute, so oft er konnte.

          So sprach er von den „Gremien des Volkes“, von der „Oper des Volkes“, vom „Millennium-Dom des Volkes“ und eben auch von der „Partei des Volkes“, ohne die historische Belastung dieser Wendungen durch die totalitäre Regime des zwanzigsten Jahrhundert zu bedenken. Vergessen ist auch, wer folgende Worte am 23. April 1997 in Rupert Murdochs konservativer „Sun“ schrieb: „Am Tag, an dem wir uns der Legende erinnern, dass der Heilige Georg einen Drachen erschlug, um England zu beschützen, werden manche argumentieren, dass es einen anderen Drachen zu erschlagen gilt: Europa.“ Der Autor war – der ehemalige Labour-Premier Blair. Am Ende verlor Labour aber nicht zuletzt auch deshalb dramatisch, weil Corbyn nicht wusste, zu welcher Uhrzeit die Königin ihre Weihnachtsansprache hält und bei der Frage, ob er denn das Land liebe, dass er regieren wolle, herumdruckste.

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