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Nach den Anschlägen in Paris : Notstand? Warum eigentlich nicht?

Champagner schlürfend dem Terror trotzen – sieht so die westliche Freiheit aus? Es gibt kein Menschenrecht auf Unbeschwertheit. Um Freiheitseinbußen werden wir kaum herumkommen.

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          Jetzt erst recht? Jetzt erst recht Großveranstaltungen besuchen, Kaffee trinken gehen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen? Der Appell ist im Augenblick allgegenwärtig: sich bloß nicht einschüchtern lassen! Konsum – das Ausgehen – wird als Akt des Widerstands gegen den Terror hochgeredet, wie beispielsweise gleich nach dem Pariser Anschlag in einer Sondersendung von „Hart aber fair“: „Und in dem Moment, wo man nicht mehr ausgeht, gibt man dem Terror nach“, erklärte dort eine aus Paris zugeschaltete deutsche Dokumentarfilmerin so eindrucksvoll wie aberwitzig in der Konstruktion eine Bürgerpflicht zum Ausgehen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Kein öffentlich, im Zeichen „unserer Werte“ geschlürfter Latte macchiato macht auch nur eines der Opfer vom 13.November wieder lebendig! Dieser Widerstand kommt zu spät. Und auch als Prävention gegen weitere Massaker hilft kein trotzig vorgeführter Konsum, sondern Umsicht und Entschlossenheit der staatlichen Sicherheitsorgane und ein waches Auge der Bevölkerung. Alles andere kann nur als Satire begriffen werden, wie das getwitterte Cover der neuen, heute erscheinenden Ausgabe von „Charlie Hebdo“ nahelegt. Es zeigt einen von Kugeln zersiebten Franzosen, der sich, „unserer Lebensart“ noch im Tod die Treue haltend, mit Sekt oder Champagner betrinkt. „Dies ist die einzige Antwort, die wir den Terroristen geben sollten: dass ihr Versuch, Terror auszulösen, vergeblich ist“, heißt es dazu im Editorial (wobei zu befürchten ist, dass dies wiederum nicht satirisch gemeint, sondern die Torheit ist, die sie darstellt).

          Psychologisierende Parole vom kühlen Kopf

          Natürlich ist nach Paris nicht alles anders. Aber es ist eben auch nicht alles wie zuvor. „Die Bedrohung rückt näher“, sagt der Vorsitzende der hiesigen Innenministerkonferenz, der SPD-Politiker Roger Lewentz. „Wir sind auf den aufmerksamen Blick der Bevölkerung angewiesen. Das galt in Zeiten des RAF-Terrors, und das gilt jetzt umso mehr.“ Die Einsicht, dass der Terror zu unseren alltäglichen Lebensrisiken gehört, auch in Europa, auch in Deutschland, verlangt nun tatsächlich nicht nach dem hitzigen, sondern nach dem kühlen Kopf. Freilich hat schon Helmut Schmidt die psychologisierende Parole vom kühlen Kopf ins Bürgerethos gewendet, als er unmittelbar nach der Ermordung Hanns Martin Schleyers durch die RAF erklärte: „Doch mit kühlem Kopf will ich sagen, dass einer, der jetzt noch verharmlost, der jetzt noch nach Entschuldigungen sucht, sich von der Gemeinschaft aller Bürger isoliert, die sich mit unserer Rechts- und Gesellschaftsordnung identifizieren und die sie erhalten wollen.“ Noch der „kleinste sachdienliche Hinweis“, den der Bürger an die Polizei weitergebe, war für Schmidt Ausdruck einer „unabweisbaren moralischen Pflicht“ – wenn schon der hohe Ton, dann scheint er doch eher hier zu passen als beim gefühligen Appell an den Trotzkonsum.

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