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Brexit-Erwachen : Wie konnte das geschehen, was haben wir versäumt?

Londoner Szene: Wieder allein - und jetzt? Bild: AFP

Nach dem Ja zum Brexit regt sich bei den Verlierern des Referendums jener Kampfeswille, der zuvor nötig gewesen wäre. An Schuldzuweisungen mangelt es nicht, aber wie geht es jetzt weiter?

          „Verbeug dich, Britannien“, triumphiert die „Daily Mail“ und will damit sagen, dass die Brexit-Wähler, denen der historischen Bruch mit Europa zu verdanken sei, jetzt den gebührenden Beifall einheimsen sollten. Oder wie eine Anhängerin der rechtspopulistischen United Kingdom Independent Party deren Führer Nigel Farage mit einer Mischung aus Ekstase und Fassungslosigkeit zujubelte: „Sie haben es geschafft!“ Selbst die Sieger, die jetzt versuchen, Zeit zu schinden, scheinen sich des ungeheuren Ausmaßes dieses Votums erst allmählich gewahr zu werden.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Jene 48 Prozent der Bevölkerung, die gegen den Brexit gestimmt haben, lassen den Kopf beschämt und bedrückt hängen. Die Worte von W. B. Yeats, der unter dem Eindruck der Katastrophe des Ersten Weltkriegs schrieb: „Alles zerfällt, die Mitte hält nicht mehr“, können auch auf die Sorge angewandt werden, dass sich jetzt der demagogische Furor behaupten könnte. Anders, als wenn Bomben explodieren oder die Natur ihre Macht zeigt, sind keine Schäden sichtbar, aber es ist eine bleierne Stimmung greifbar, wie bei der Bestattung eines jäh Verstorbenen.

          Verantwortungsverzicht seitens der Regierung

          Es trauert nicht nur die kriegsgezeichnete Generation, die Europa als Friedenssicherung sah und jetzt angesichts des populistischen Furors um ihre liberalen Werte bangt. Auch die gebildete Jugend vergießt Tränen der Verzweiflung und des Zorns ob der Zukunft, um die sie sich betrogen fühlt durch die älteren Wähler, die die Folgen des Austritts nicht auszubaden haben werden. Eine Petition an die Regierung geht wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke: Die Unterschriftensammlung beruft sich auf eine Vorschrift, wonach eine zweite Volksabstimmung abgehalten werden müsse, wenn bei einer Wahlbeteiligung von weniger als 75 Prozent weniger als sechzig Prozent für oder gegen den Brexit gestimmt haben. Am Sonntagmittag hatten bereits mehr als 3,2 Millionen Briten unterschrieben.

          Das Referendum, das die Brexit-Anhänger als Sieg der Demokratie preisen, ist bereits vor seiner Durchführung von vielen als unvereinbar mit der parlamentarischen Demokratie empfunden worden. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins steht mit seinem Einwand, dass Menschen wie er, die so wenig von einer derart komplizierten Materie wie der Europäischen Union verstünden, darüber zu bestimmen hätten, nicht allein. Dawkins hat das Referendum als Verantwortungsverzicht seitens der Regierung bezeichnet: „Wir leben in einer repräsentativen Demokratie, nicht in einer plebiszitären Demokratie.“

          Jetzt klammern sich viele an die Hoffnung, dass das Parlament, das mehrheitlich für Europa ist, seine Souveränität geltend macht, indem es die für den Austritt notwendigen Gesetze nicht verabschiedet. Doch das verstieße gegen den Mehrheitswillen des Volkes. Kein Wunder, dass der Bestsellerautor Robert Harris im Blick auf die chaotischen politischen Zustände von einem nationalen Nervenzusammenbruch spricht. Welche Ironie, dass das Vermächtnis eines Premierministers, der behauptete, an die Union zu glauben, und für sozialpolitischen Konservatismus einstand, der gesellschaftliche und politische Zerfall des Landes sein könnte.

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