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RAF im Erdloch? : Die Terroristische Bibliothek

Fundort der Zeitkapsel: In dem Wald bei Seevetal in Niedersachsen sind in einem Erddepot möglicherweise Hinterlassenschaften der linksterroristischen RAF gefunden worden. Bild: dpa

In Niedersachsens Wäldern wurde ein verbuddeltes Fass mit Schriftstücken aus den achtziger Jahren entdeckt. Handelt es sich um eine Zeitkapsel von RAF-Terroristen?

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          Eine schöne Möglichkeit, den Sinn fürs Ungleichzeitige zu schärfen, ist das fachgerechte Anlegen einer Zeitkapsel. In ihr lassen sich Dinge und Dokumente von heute für morgen aufbewahren, in Wald und Flur vergraben, als materialisierte Erinnerungen oder Vorhersagen, die in eine zukünftige Gegenwart platzen. Man kann ein solches Behältnis im kleineren Durchmesser schon für dreißig, vierzig Euro erwerben, aus Edelstahl etwa, damit es Witterung und Säurefraß trotzt. Das Spektrum reicht ferner über Kanister und Kisten bis hin zu Bunkeranlagen, letztere mit eher unappetitlichen politischen Konnotationen. So oder so ist schon das Befüllen der Kapsel, egal, ob man sie später findet, ein Statement gegen den Absolutismus der Gegenwart. Man möchte sich und anderen sagen: Was mir heute als Maß aller Dinge erscheint – meine pompös inszenierte, mit unbedingtem Geltungsdrang versehene Vorstellung –, kann sich morgen in einem gänzlich anderen Licht darstellen.

          Mit Futur-II-Bewusstsein begabt

          Wobei im traditionellen haptischen Medium der Zeitkapsel nichts Antiquiertes liegt. CDs verrotten, Festplatten verschleißen, Websites gehen verloren. Die Flaschenpost – Prototyp der Zeitkapsel – bleibt. So nun auch in der niedersächsischen Gemeinde Seevetal. Ein Waldbesitzer hat dort ein im Boden vergrabenes wasserdichtes 10-Liter-Fass aus grauem Kunststoff entdeckt. Darin hätten Flaschen mit unbekannten Flüssigkeiten gesteckt und diverse, in Klarsichtfolien verpackte Schriftstücke aus den achtziger Jahren, erklärte das niedersächsische Landeskriminalamt. Es ermittelt auch mögliche Verbindungen zur Roten Armee Fraktion (RAF), bei der solche Erdverstecke üblich waren, nicht nur, um Waffen, Sprengstoff, gestohlene Ausweise, Pläne und Geld zu hamstern, sondern gelegentlich auch „als Bibliothek“, wie der RAF-Kenner Stefan Aust gestern von der „Bild“-Zeitung zitiert wurde. War es ein solcher Bibliotheksfund im Kleinen, den der Waldbesitzer machte? Wollten die mit Futur-II-Bewusstsein begabten Terroristen später noch einmal nachschauen, was sie in ihrer aktiven Zeit als maßgebliche Literatur verbuddelten? Womöglich auch die hinterlassenen Ergänzungen von allerletzter Hand zu dem Anfang der Siebziger herausgegebenen unvollendeten Romanessay „Die Reise“? Bernward Vesper, vor Andreas Baader der Lebensgefährte von Gudrun Ensslin, hatte „Die Reise“ als drogeninduziertes, die befreiende Tat halluzinierendes Zeitdokument angelegt. Vesper in Seevetal – das stünde verkapselt für all jene Aktionen, die im Moment der Ausführung ihre Zeit schon hinter sich haben. Im Erdloch wirken sie weiter, endlich zeitenthoben.

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