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Gemeinsam mit Lothar Gall, Notker Hammerstein und Heribert Müller prägte Johannes Fried ein goldenes Zeitalter des Historischen Seminars der Frankfurter Goethe-Universität. Bild: Cornelia Sick

Johannes Fried wird achtzig : Mut zur Stichprobe

Der Frankfurter Mittelalterhistoriker Johannes Fried hat sich der Leben-Jesu-Forschung zugewandt. Er zeigt, dass Quellenkritik und Spekulation zusammengehören. Jetzt wird er achtzig.

          4 Min.

          In der „Theologischen Rundschau“ erschien 2008 ein Rezensionsaufsatz über das Buch „Jesus and the Eyewitnesses“ von Richard Bauckham. Der anglikanische Theologe kritisiert die für die moderne wissenschaftliche Bibelkritik prägende Ansicht, die Lebensgeschichte Jesu sei vor ihrer schriftlichen Fixierung in den Evangelien durch mündliche Traditionen der Urgemeinde geformt worden und daher, was den faktischen Kern des Geschehens betreffe, von Anfang an Legendenbildung. Laut Bauckham haben die Evangelisten mit Augenzeugenberichten gearbeitet; der Verfasser des Johannesevangeliums sei sogar selbst Augenzeuge gewesen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Rezensent meldete nicht nur Zweifel an dieser ähnlich von Joseph Ratzinger in seinem im Pontifikat veröffentlichten Jesus-Buch vertretenen Theorie der Textgenese an; er bezweifelte vor allem, dass sie, selbst wenn sie zutreffen sollte, das von Bauckham und Benedikt XVI. erhoffte sichere Wissen über die Geschichte vor dem Text begründen könnte. Augenzeugen seien nicht von vorneherein besonders zuverlässig oder in einem absoluten Sinne glaubwürdig. Für diesen quellenkritischen Grundgedanken führte der Rezensent eine Stimme aus der Geschichtswissenschaft an: Es müsse, „wie Johannes Fried in einer neueren Studie gezeigt hat, die Kategorie der Erinnerung selbst kritisch daraufhin geprüft werden, inwieweit sie Ereignisse selektiert und subjektiv einfärbt“.

          Eine neue historische Grundwissenschaft

          Die Studie des Frankfurter Mittelalterhistorikers ist ein Buch von 500 Seiten, das 2004 bei C. H. Beck erschienen ist und sich sowohl an die Fachwelt als auch an das allgemeine Publikum wendet. Unter dem Titel „Der Schleier der Erinnerung“ entfaltet Fried „Grundzüge“ einer neuen Hilfs- oder Grundwissenschaft, der „historischen Me­morik“. Er radikalisiert den methodischen Zweifel, der die Geschäftsgrundlage seines Faches ist, indem er die Quellenkritik rückwärtig erweitert und auf die Vorgeschichte der Quellenproduktion ausdehnt. Erratisch, fragmentarisch und parteiisch ist die Erinnerung schon, bevor sie zu Papier oder auch nur zur Sprache gebracht wird, als Impulsverkettung im Gehirn.

          Nach einer großen, mehrfach aufgelegten Biographie Karls des Großen, die das Gefühl des Begründers des mittelalterlichen Kaisertums herauspräpariert, kurz vor dem Jüngsten Ge­richt zu leben, und einer Geschichte des christlichen und nachchristlichen Weltuntergangsdenkens wandte sich Fried 2019 zurück zu den Anfängen dieser Erwartungen und Befürchtungen: den Zeugnissen für das Leben des Wanderpredigers, der so überzeugend über das kommende Reich Gottes geredet hatte, dass Millionen von Menschen zwei Jahrtausende später immer noch glauben, es sei in seiner Person bereits angekommen. Frieds Beitrag zur Le­ben-Jesu-Forschung verkündete ei­ne Sensation: Er verdoppelte den Gegenstand dieser Forschung, indem er dem Leben Jesu eine zweite Hälfte hinzufügte, die Zeit nach der Auferstehung, die in Frieds Erzählung kein Wunder war, sondern sich beinahe alltäglich anfühlt. Jesus ist aufgestanden – weil er am Kreuz nicht gestorben ist, sondern nur das Bewusstsein verlor. Der Titel des Buches fasst dessen Resultat in seiner ganzen faszinierenden Einfachheit zusammen: „Kein Tod auf Golgatha“.

          Den Beweis sieht Fried, einem Aufsatz aus einer medizinischen Fachzeitschrift folgend, auf den ihn ein Freund hinwies, im Lanzenstich, der Blut und Wasser getrennt austreten ließ. Die Waffe soll in den Spalt zwischen Lungenfell und Rippenfell eingedrungen sein und damit den Erstickungstod verhindert haben. Größere Beweislast ist einer ingeniösen Vermutung wohl noch nie aufgebürdet worden. Fried streicht mit der Auferstehung den Glaubensinhalt aus der christlichen Überlieferung, an dem die Identität der Christen hängt – in diesem Sinne zitieren Christen jedenfalls den Apostel Paulus. Andererseits macht er auch die gegenläufige liberale oder psychologische Deutung der Glaubenslehre gegenstandslos, die mehr oder weniger stillschweigend unterstellt, die christliche Botschaft kompensiere das verdrängte Wissen von der Nicht-Auferstehung, verarbeite die Enttäuschung der Jünger über den Tod des Meisters.

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