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Debatte in der Schweiz : Muss ein Schüler der Lehrerin die Hand geben?

In der Schweiz gehört der Händedruck zum Schulalltag. Bild: Picture-Alliance

In einigen Schweizer Schulen ist es Brauch, jedem Schüler zu Beginn und Ende des Unterrichts die Hand zu reichen. Zwei syrische Brüder verweigern Lehrerinnen diese Geste – und lösen damit eine Grundsatzdebatte aus.

          „Muss man akzeptieren, wenn ein Schüler sagt, er wolle der Lehrerin die Hand nicht geben?“ Der Moderator der Schweizer Talkshow „Arena“ stellte die Frage, die seitdem das helvetische Tagesgespräch beherrscht, am 1. April dem Präsidenten der „Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz“ (FIDS), Montassar Benmrad. Die Vereinigung ist der wichtigste Muslim-Verband des Landes, gilt als gemäßigt und liberal. Zunächst wich Benmrad der Frage aus, sagte aber dann: „Ja und nein“ und fügte hinzu: „Ich würde sagen, eher nein.“ Er selbst, bekannte Benmrad, gebe Frauen die Hand und empfehle es den muslimischen Schülern ebenfalls: um Respekt gegenüber der Lehrerperson zu zeigen. „Auf der anderen Seite, wenn jemand den Handschlag verweigert, würde ich eher mit ihm diskutieren.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit dem Problem sah sich die Sekundarschule von Therwil konfrontiert. Zwei syrische Brüder im Alter von vierzehn und fünfzehn Jahren wollten sich partout nicht an einen Brauch halten, der längst nicht in allen Schulen der Schweiz gepflegt wird, auf den man aber in Therwil indes nicht verzichten will: Zu Beginn und am Ende des Unterrichts gibt der Lehrer den Schülern die Hand. Die beiden Schüler seien ansonsten nicht aufgefallen und sprächen auch gut Deutsch.

          Der Direktor wählte den pragmatischen Weg

          Ihre Eltern beriefen sich auf ihre Religion, die es nur dem Ehemann erlaube, eine Frau zu berühren. „Wir merkten, dass sich die Schüler auch bei einem Zwang dem Handschlag verweigert hätten“, erklärt im Nachhinein der Rektor Jürg Lauener. Doch die Lehrerinnen fühlten sich diskriminiert. Da er sich auf keinerlei Wegweisungen der Behörden stützen konnte, einen Skandal vermeiden und den ungestörten Schulbetrieb garantieren wollte, suchte Lauener nach einem „pragmatischen Weg“. Im Falle einer Eskalation des Konflikts hätte er die beiden Brüder von der Schule weisen müssen. So fand er zwischen den Verboten der Schüler und der Ehre der Lehrerinnen zu einer salomonischen Lösung: Seine renitenten Buben sollen auch den Lehrern künftig die Hand nicht mehr geben. Weder die Jugendlichen noch die Pädagogen hatten etwas dagegen: Therwil ist Seldwyla.

          Der faule Kompromiss kommt den radikalen Muslimen sehr gelegen. Sie sind im Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) organisiert, der den Standpunkt vertritt, der Handschlag sei verboten. Mit Diskriminierung habe das nichts zu tun, das Verbot sei ein „Schutz der körperlichen Integrität von Mann und Frau“. Der Lehrerverband hat Laueners Lösung als „Fehlentscheidung“ kritisiert: „Wir wollen nicht ins Mittelalter zurück.“ Jetzt müssen die Schulbehörden eine Verhaltensmaßregel entwerfen – nicht nur für Therwil. „Wir haben den Fall schon im November der Bildungsdirektion vorgelegt“, sagt Rektor Lauener: „Aber bisher keine Antwort erhalten.“

          Beim Schwimmunterricht gibt es klare Regeln: Wenn Eltern ihre Kinder von ihm fernhalten, droht ein hohes Strafgeld. Ein fanatischer Vater wurde sogar zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Für einen verweigerten Handschlag spricht niemand von einer Buße. Doch der Fall bekommt fast täglich eine neue Dramatik: Gestern berichtete die Boulevardzeitung „Blick“, auf dem Facebook-Profil einer der beiden Brüder sei die Flagge des „Islamischen Staats“ zu erkennen – mit der Aufforderung: „Jeder Muslim soll liken.“

          Sie grüßen höflich

          Inzwischen hat sich auch die für die Immigration zuständige Ministerin Simonetta Sommaruga zu dem Vorfall geäußert: „Dass ein Schüler der Lehrperson die Hand nicht gibt, das geht nicht.“ Der Handschlag sei Teil der Schweizer Kultur und gehöre zum Alltag: „So stelle ich mir die Integration nicht vor, auch unter dem Aspekt der Religionsfreiheit kann man das nicht akzeptieren.“

          Sogar Montassar Benmrad hat sich inzwischen festgelegt und gesteht etwas kleinlaut zu, ein Handschlag zwischen Mann und Frau sei „theologisch erlaubt“ und unproblematisch, „wenn er hilft, eine gute Beziehung zu schaffen mit dem Ziel guter Bildung und wirksamer Integration“. Noch aber besuchen die beiden jungen Syrer mit dem Segen ihres Rektors die Sekundarschule von Therwil ohne obligaten Handschlag. Immerhin sollen sie sich strikt an die Regelung halten, die im November zwischen Lehrer, Schulleitung und Eltern ausgehandelt wurde. Sie würden höflich grüßen, beteuern die Betroffenen. Aber wie? Landesüblich mit „Grüezi“?

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