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Muslimische Papstkritik : Unsere Freiheit ist bedroht

Proteste gegen den Papst in Kairo Bild: AP

Die Gewaltgeschichte des Christentums ist beendet, die Gewaltgeschichte des Islam leider nicht. Die völlig unverhältnismäßigen Reaktionen aus der muslimischen Welt zeigen, daß der Papst das richtige Thema angeschnitten hat. Von Christian Geyer.

          3 Min.

          Voranstellen muß man vielleicht dies: In einer anderen, nicht von Fanatikern aufgeheizten Welt wären die Worte des Papstes kein Problem gewesen. In der Welt, in der wir aktuell leben, sind sie ein Problem. Man weiß doch, was in der konkreten weltpolitischen Situation aus solchen „erstaunlich schroffen“ (Benedikt XVI.) Worten werden kann, selbst wenn sie akademisch korrekt zitiert sind. Gerade weil man keinerlei Anlaß hat, dem Papst persönlich „Haßgefühle“ gegen den Islam zu unterstellen, wie dies der Leiter des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten meint tun zu sollen - gerade weil man also von der persönlichen Integrität des Papstes überzeugt sein kann, bleibt es rätselhaft, wie ein derart leicht zu instrumentalisierender Passus in die Regensburger Rede gelangt ist.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Ist das vorangestellt, muß man rasch zur Hauptsache kommen. Denn zur Debatte steht etwas anderes. Die Hauptsache an diesem Eklat ist, daß nichts dem Papst in der Sache so sehr recht gibt wie die Erregung, die jetzt wieder einsetzt, wenn jemand, und sei es der Papst, in der westlichen Welt auf unliebsame Weise von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch macht. Was zeigt mehr als diese völlig unverhältnismäßigen Reaktionen, daß hier das richtige Thema angeschnitten wurde? Die scharfmacherischen Töne, die jetzt aus der islamischen Welt erklingen, machen spätestens jetzt eines ganz klar: daß der Papst in Regensburg nicht als Anwalt irgendwelcher partikularer kirchlicher Sonderinteressen auftrat, sondern als Anwalt der säkularen westlichen Welt.

          Ein Dokument westlicher Freiheitsrechte

          Die scharfmacherische Rezeption bringt es recht eigentlich erst an den Tag: Seine Regensburger Rede ist kein spezielles interreligiöses Programmpapier, sondern ein Dokument westlicher Freiheitsrechte, die sich der Westen von keiner politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Macht wieder abhandeln lassen kann und darf. Wie man jetzt sieht, hat da ein religiöser Führer sein Forum genutzt, um eine genuin säkulare Errungenschaft zu verteidigen, den Nährboden, auf dem wir alle unser Leben führen: null Toleranz für Positionen, die unsere Freiheitsrechte mit Terror einschränken wollen. Gerade auch die Selbstkritik, zu der in weiten Teilen die Regensburger Rede den Westen aufforderte, verfolgte dieses eine Ziel: eine Kultur der Freiheit, die sich nicht im Griff von Pathologien religiöser oder säkularer Mächte ruinieren lassen darf.

          Deshalb muß man diesen Eklat jetzt zum Anlaß nehmen, um so klar wie möglich festzustellen: Dieser Eklat ist nur deshalb ein Eklat, weil er von einer Kultur der Unfreiheit zum Eklat gemacht werden kann. Man kann sich das unmöglich bieten lassen. Was bedeutet es etwa, wenn im mehrheitlich muslimischen Kaschmir landesweit die Polizei anrückt, um an den Kiosken des Landes all jene Zeitungen zu beschlagnahmen, die über die Rede des Papstes berichtet hatten? Die Beschlagnahmung erfolgte, wie es von offizieller Seite hieß, um „Unruhen“ zu vermeiden. Was ist das für eine Kultur, in der das Recht auf Information in jedem Augenblick Gewaltexzesse nach sich ziehen kann? Der Westen muß auch in diesem neuerlichen Fall darauf beharren, daß wir in jedem Fall auf dem Recht bestehen, zu sagen, zu lesen, zu hören und zu sehen, was wir wollen. Wo dies der Verfassung des Gemeinwesens widerspricht, sind die Gerichte zuständig. Alles andere, der rechtspolitische Verweis auf verletzte religiöse Gefühle, führt in eine Rhetorik der Unfreiheit, der Inhumanität.

          Die Grenzen der Vergleichbarkeit

          Jetzt rächt sich, daß man auch im Westen hier und da versucht, den Karikaturenstreit zum Anlaß zu nehmen, um religiöse Gefühle unter so etwas wie Artenschutz zu stellen, an dem das Recht auf freie Meinungsäußerung seine Grenze finden soll. Man kann angesichts des aktuellen Eklats nur wieder sagen: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. So wie es das Christentum in der freien Welt hinzunehmen hat, wenn man versuchen sollte, es auf seine Kreuzfahrerzeit zu reduzieren, so muß es der Islam hinnehmen, wenn ihm die Frage: „Wie hältst du's mit der Gewalt?“ auch einmal in einer journalistisch zugespitzten Form gestellt wird. In einer Form, die natürlich keine umfassende Analyse der Lehre des Heiligen Kriegs bieten wollte und auch nicht despektierlich gegen den Islam als Ganzen gemeint sein sollte, wie jetzt der Vatikan klarstellte.

          Hinnehmen heißt nicht: kritiklos hinnehmen. Sehr wohl dient es der vielbeschworenen Kultur des Dialogs, wenn islamische Geistliche jetzt umgekehrt sagen: Der Papst möge, wenn er dem Islam einen irrationalen Zug unterstellt, doch erst einmal darlegen, worin die Rationalität der Dreifaltigkeit besteht. Oder er möge, wenn er mit einer mittelalterlichen Quelle die Gewalt des Islam thematisiere, dies zumindest doch nicht tun, ohne zugleich auch die mittelalterlichen Gewaltexzesse des Christentums zu thematisieren. Aber da liegen eben auch schon wieder die Grenzen der Vergleichbarkeit, die Bremse für Retourkutschen: Die Gewaltgeschichte des Christentums ist allem Anschein nach abgeschlossen. In der Gewaltgeschichte des Islam stecken wir mittendrin. So, wie jetzt in der muslimischen Welt reagiert wird, geht's jedenfalls nicht.

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