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Muslimisch-jüdische Kolumne : Das Jerusalem-Syndrom

  • -Aktualisiert am

Gläubige Samariter treffen zu einer Pessach-Zeremonie auf dem Gipfel des Berges Gerizim zusammen Bild: dpa

2022 ist ein besonderes Jahr: Nur alle 33 Jahre fallen Ramadan, Pessach und Ostern auf den gleichen Tag. Vor allem in der Heiligen Stadt der drei monotheistischen Religionen bringt das allerhand in Wallung.

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          Nach mehr als zwei Jahren Pandemie konnten wir endlich die Familie in Israel besuchen. Im dichten Besuchsprogramm der vielen Verwandten hatten wir einen halben Tag für Jerusalem eingeplant. Ein paar Stunden Sightseeing, dann sollte es weiter Richtung Norden gehen. Gott oder das Schicksal hatten allerdings etwas anderes für uns geplant. Als wir am frühen Abend zum Parkhaus kamen, standen wir vor verschlossenen Toren. Kurz zuvor hatte der zweite Pessachabend begonnen, und das Parkhaus sollte für die nächsten drei Tage geschlossen bleiben. Busse und Bahnen fuhren auch nicht, die Mietwagenstationen waren nicht zu erreichen. Nun standen wir da – ohne Auto, Unterkunft, mitten in Jerusalem. Auch der Windelvorrat war fast vollständig verbraucht.

          Wir suchten ein Hotel im arabischen Ostjerusalem, wo der Alltag weiterlief, und fanden uns mit unserem Schicksal ab. Immerhin waren wir Opfer einer äußerst seltenen interreligiösen Konstellation geworden. Denn Ramadan, Pessach und Ostern zur selben Zeit – das passiert nur alle 33 Jahre. Und wo sonst lässt sich das am besten erleben, wenn nicht in der Heiligen Stadt der drei monotheistischen Religionen? Ein weiterer Vorteil daran, in Ostjerusalem gestrandet zu sein, war die Chance, dem allgegenwärtigen Pessachessen zu entkommen. Schon eine ganze Woche lang verfolgten uns bei nahezu jedem Besuch jüdischer Freunde und Verwandte die trockene Matze, das ungesäuerte Brot, die Kneidlach-Suppe – Hühnersuppe mit Matzenknödel – und das kalt-süße Fischgericht „Gefilte Fisch“. Die traditionellen Gerichte, die vor Hunderten Jahren in Osteuropa entstanden, saßen uns schwer im Magen. Den Entzug von Brot und Teigwaren konnten wir im muslimischen Teil Jerusalems kompensieren.

          Bagel und Qatayef

          Wie erfrischend, am Damaskustor die traditionellen Jerusalem-Sesambagel frisch vom Ofen mit der Gewürzmischung Za’tar zu essen! Die unzähligen Stände mit Bergen von Süßkram, in der Luft der unverwechselbare Geruch von Frittiertem: Qatayef, gesüßte Pfannkuchen, die mit Puddingcreme oder Walnüssen gefüllt und zu Tütchen gefaltet werden. Die arabische Süßigkeit wird besonders im Fastenmonat Ramadan gegessen. Kurz vor dem Fastenbrechen verschenkten Jugendliche in den Gassen Datteln und Wasser, um das Fasten auf traditionelle Art zu beenden.

          Meron Mendel und Saba-Nur Cheema
          Meron Mendel und Saba-Nur Cheema : Bild: David Bachar

          Beim Schlendern durch die Altstadt war die besondere Stimmung überall zu spüren. Hier finden sich auf nur einem Quadratkilometer gleich mehrere heilige Orte für Muslime, Juden und Christen. So begegneten uns ultraorthodoxe Männer in ihrer Tracht, die sich laut auf Jiddisch unterhielten, auf dem Weg zur Kotel, der Klagemauer; weiß gekleidete Pilgergruppen auf der Via Dolorosa Richtung Grabeskirche; verschleierte Frauen beim Einkaufen für das Iftar-Essen nach dem Gebet in der Al-Aksa-Moschee am Felsendom.

          Überall Gläubige, Touristen, Polizisten

          Nach zwei Jahren geschlossenen Gotteshäusern ist von der Pandemie in Israel nichts mehr zu spüren. Immer wieder liefen wir an überfüllten Moscheen, Synagogen und Kirchen vorbei. Wir schlossen uns dem Menschenstrom zur Klagemauer an und liefen neben orthodoxen Juden, Touristen und israelischen Grenzschutzpolizisten. An der Mauer selbst gibt es eine strenge Trennung zwischen Männern und Frauen. Wir fragten einen Ordner nach dem gemeinsamen Gebetsbereich an der Klagemauer – dieser wurde 2016 vom israelischen Kabinett beschlossen. „Also, wenn du mich fragst, wird es diesen auch in den nächsten 2000 Jahren nicht geben“, kam prompt die Antwort. Den heiligen Ort darf man als Mann nur mit einer Kopfbedeckung betreten, als Nichtjude bekommt man eine Kippa ausgeliehen. Anders lief es am Eingang zum Felsendom, der von der islamischen Behörde namens Waqf beaufsichtigt wird. Als Nichtmuslim wird man schulterzuckend abgewiesen.

          „Ich musste erst mal beweisen, dass ich muslimisch bin. Nachdem die Wächter meine fehlende Kopfbedeckung moniert hatten, forderten sie mich auf, die erste Sure des Korans zu zitieren. Dass mir das Auswendiglernen von Koranversen auch mal einen Vorteil bringen kann, hätte ich als Kind wohl nicht geahnt. Nachdem die Wächter mich durchließen, sprang ein Jugendlicher vor mich und bot mir verschiedenfarbige Abayas zur Ausleihe an, ein langes, lockeres Gewand, das ich für den Besuch tragen sollte. Erst als ich ausreichend bedeckt war, durfte ich eintreten.“

          Wem gehört der Tempelberg?

          Am folgenden Tag lasen wir beim Frühstück, dass zwei Menschen bei den Unruhen am Tempelberg verletzt wurden. Hier, nur wenige Hundert Meter entfernt, war davon kaum etwas zu spüren – abgesehen von den zahlreichen Sicherheitskräften. An der Wand hing eine Israelkarte mit der Aufschrift „Palästina“. Jüdische Städte und Dörfer waren nicht eingezeichnet. Im Gespräch mit einem Kellner fragten wir naiv, ob es nicht schön wäre, wenn am Tempelberg alle Religionen ihren Platz finden würden. „Die Moschee gehört uns. Wir müssen sie beschützen und werden keine Juden reinlassen.“ Was ist mit dem jüdischen Tempel, der vor 2000 Jahren dort stand? Nur eine zionistische Lüge, erwiderte er. Eine ähnliche Antwort bekamen wir von zwei jüdischen orthodoxen Männern. „Der Tempelberg ist jüdischer Besitz. Muslime sollen doch in Mekka beten.“

          So eng Juden und Muslime hier beieinander leben, so weit gehen doch manche Vorstellungen und Forderungen auseinander. Leider geben diejenigen den Ton an, die am lautesten sind. Wir suchten vergeblich nach den Zwischentönen, begegneten aber vor allem solchen, deren religiöse Überzeugung alleinigen Anspruch auf die heiligen Orte erhebt. Für viele Juden ist der Har haBayit der heiligste Ort, bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels um 70 n. Chr. durch die Römer. Für viele Muslime ist der Felsendom der Ort, an dem der Prophet Mohammed eine Reise in den Himmel angetreten hat. Ob das so war oder nur ein Traum – darunter herrscht unter Muslimen kein Konsens.

          Seit 1967 eskalieren die Auseinandersetzungen um den Tempelberg regelmäßig: Muslime lassen nicht zu, dass Juden – wie auch jede andere Religionsgruppe – in diesem Gebiet beten. Und fundamentalistische Juden wie die Gruppe der „Nemanei Har haBayit“, die selbst ernannten Tempelberg-Treuen, versuchen immer wieder, dort den Grundstein für den dritten Tempel zu legen. Extremistische Gruppen von beiden Seiten versuchen, die angespannte Situation vor Ort zum Explodieren zu bringen. Anfang der Achtzigerjahre vereitelte der israelische Inlandsgeheimdienst den Plan einer jüdischen extremistischen Gruppe, den Felsendom zu sprengen. Die Gruppe wollte damit den endgültigen Religionskrieg provozieren, um das Ankommen des jüdischen Messias herbeizuführen.

          Wie Paris Romantiker anzieht, Rio de Janeiro Sambatänzer oder London russische Oligarchen, so scheint Jerusalem ein Magnet für religiöse Fundamentalisten zu sein. Es ist nicht so klar, wer schuld ist: Sind es die Fundamentalisten, die scharenweise nach Jerusalem kommen, oder ist es die Stadt, deren besonderes Flair die Menschen zum Durchdrehen bringt? Schon lange ist in der Psychologie vom „Jerusalem-Syndrom“ die Rede. Einige Besucher verfallen in der Heiligen Stadt einem religiösen Wahn und halten sich selbst für Jesus, König David oder einen Propheten. Tüchtige Händler in der Altstadt bedienen das Geschäftspotential: Wir beobachteten, wie ein Verkäufer seine Tasche mit Schlüsselanhängern am Jesusgrab rieb, um sie anschließend teuer zu verkaufen. Ein anderer verkaufte leere Dosen mit Luft aus der Heiligen Stadt. Wir begnügten uns mit weniger spirituellen Souvenirs und zahlten deftige Touristenpreise für Halva, Gewürzmischungen und Topfuntersetzer.

          Jerusalem im Rückspiegel

          Am Sonntagvormittag konnten wir endlich unser Auto aus dem Parkhaus holen. Als die hüglige Landschaft Jerusalems immer weiter in die Ferne rückte, stellten wir uns die großen Fragen: Was treibt Menschen dazu, für Steine oder Gräber ihr Leben aufs Spiel zu setzen und Gewalt gegen andere auszuüben? Bin ich ein schlechter Jude? Eine schlechte Muslima? Wir beide spürten keine geistige Verbindung mit den heiligen Stätten. Stimmt etwas nicht mit unserem Glauben, weil wir mit dem Hype um die Heiligtümer nicht viel anfangen können? Wir hoffen, dass sich alle Juden und Muslime irgendwann die Vorstellung des Jerusalemer Philosophen Jeschajahu Leibowitz zu eigen machen: Er glaubte, dass das Heilige nicht in Orten und Gegenständen stecke, sondern in Gott selbst. Die Tage in Jerusalem haben uns allerdings wenig Hoffnung dafür gegeben.

          Wir fuhren weiter. Links von uns das Mittelmeer, vor uns der Berg Karmel und die Stadt Haifa. Auch dort leben Juden, Muslime und Christen. Hier funktioniert das Zusammenleben ganz gut, weshalb Haifa als Vorbild gilt. Der einzige heilige Ort gehört der Bahai-Religion, die jüngste monotheistische Weltreligion. Ein Glück, dass Moses, Jesus und Mohammed nicht in Haifa waren.

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