Muslimisch-jüdische Kolumne : Wenn der Muezzin in Köln-Ehrenfeld ruft
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Die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld Bild: dpa
Wie viel Dezibel dürfen es denn maximal sein? Ist die kontroverse Debatte um Lautstärke und Öffentlichkeit womöglich nur eine Ablenkung von den zentralen Fragen muslimischer Integration?
Seit einigen Wochen darf die größte Moschee Deutschlands in Köln den Muezzinruf über zwei Lautsprecher ertönen lassen. Und für konservative Politiker ist es aufs Neue ein willkommener Anlass, die alte Wunschvorstellung vom christlich-jüdischen Abendland aus der Mottenkiste zu ziehen. CDU-Urgestein Wolfgang Bosbach begründet seine Ablehnung des Kölner Pilotprojekts in der Tageszeitung „Die Welt“ damit, dass „wir keine islamische, sondern eine christlich-jüdische kulturelle Tradition“ haben. Nur ist die Erzählung von einer idyllischen christlich-jüdischen Tradition etwas, wie soll man sagen: eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Klar, wer Jahrhunderte von Ausgrenzung und Pogromen, die in Krematorien mündeten, einmal beiseitelegt, mag Bosbach zustimmen. Es drängt sich der Verdacht auf, die deutsche Vergangenheit glätten zu wollen, um Muslimen ihren Platz zuzuweisen.
Sehnsucht nach einer Gesellschaft ohne Muslime ist allerdings nicht nur eine christliche Angelegenheit. Der jüdische Publizist Henryk M. Broder sieht im Muezzinruf einen Dammbruch und warnt vor einer „Kapitulation auf Raten“ vor dem Islam: „Richtet euch schon mal auf den täglichen Muezzin ein, er wird kommen“, prophezeit er. Es finden sich Kritiker auch in den eigenen Reihen. Der muslimische Autor Ahmad Mansour wirft den Deutschen Naivität im Umgang mit der Kölner Moschee vor. Er kritisiert den Ruf des Muezzins, weil er Ausdrücke wie „Allah ist groß“ und „Kommt zum Gebet“ als gefährlich empfindet.
In unser beider Herkunftsländer Pakistan und Israel gehört der Azaan, wie der islamische Gebetsruf heißt, zum Alltag. In vielen Städten konkurrieren die Moscheen gegeneinander, wer den schönsten und lautesten Klang hat. Als wir vor Kurzem durch die Jerusalemer Altstadt spazierten, mischten sich die Klänge der Kirchenglocken mit den Muezzinrufen zu einer einzigartigen schönen Melodie. Das empfinden nicht alle so: In der israelischen Politik werden die Muezzinrufe immer wieder von jüdischen Rechtsradikalen für ihren Araberhass instrumentalisiert. Im Jahr 2016 gab es eine Gesetzesinitiative für eine Lautstärkebegrenzung. Es war die israelische Vereinigung für Bürgerrechte, die größte unabhängige Menschenrechtsorganisation Israels, die sich erfolgreich gegen diesen Eingriff in die Religionsfreiheit der Muslime einsetzte. Übrigens: Auch in Staaten mit großer muslimischer Bevölkerung führt das Thema der Lautstärke zu Streit. In Indonesien, dem Staat mit den meisten Muslimen weltweit, protestierte 2015 die christliche Minderheit in Tolikara gegen die Lautstärke des Muezzinrufs, da dieser ihre eigene religiöse Zeremonie störe. Der Protest endete blutig mit mehreren Verletzten und einem Toten.
Christliche Symbole und Rituale gehören zu unserem Alltag
Wer nun Angst hat, dass Muezzinrufe in Köln zu laut werden, darf sich beruhigen: Noch wurde keine signifikant gestiegene Nachfrage nach Ohropax in Köln registriert. Der Ruf darf auch nicht lauter als sechzig Dezibel sein – zum Vergleich: Unser Sohn schafft in einer durchschnittlichen Nacht achtzig Dezibel, mühelos.