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Muslimisch-jüdisches Abendbrot : Halbmond-Deko am Christbaum?

  • -Aktualisiert am

Meron Mendel und Saba-Nur Cheema Bild: David Bachar

Neuerdings sind wir Eltern. Mit einem muslimisch- israelisch-jüdisch-pakistanisch-hessischen Kind ist die Identitätskrise programmiert – und auch die Herausforderung für das Bürgeramt. Eine Kolumne.

          5 Min.

          Oft haben wir uns über Freunde amüsiert, die das Kindergroßziehen zum Projekt permanenter Optimierung machen. Jeder Schritt ist minutiös und nach dem letzten Trend aus Elternforen durchgeplant. Vom Öko-Tragetuch über die Einrichtung des Kinderzimmers nach Feng-Shui bis zur multilingualen Kita (am liebsten mit Erstsprache Mandarin) – alles, damit das Baby seine Chancen auf Nobelpreis oder Oscarnominierung nicht schon vor dem Abstillen verpasst. Jetzt sind wir dran in Sachen Kinderbeschleunigung – denn neuerdings sind wir Eltern.

          Mit Feng-Shui können wir zwar nichts anfangen, aber in puncto hybride Identität haben wir einiges zu bieten: muslimisch, israelisch-jüdisch, pakistanisch und hessisch – all dies ist unserem Kind schon in die Wiege gelegt. Wenn es mit dem Nobelpreis nicht klappt, garantiert die Muttersprachkombination immerhin eine Karriere als Mossad-Agent.

          Erste Anlaufschwierigkeiten

          Das „Projekt“ jüdisch-muslimisches Kind hat allerdings Anlaufschwierigkeiten. Gleich bei der Beantragung der Geburtsurkunde wurden wir auf dem Amt freundlich darauf hingewiesen, dass eine doppelte Religionszugehörigkeit – jüdisch und muslimisch – nicht gestattet ist. Nach kurzer Beratung im Flur kamen wir mit einem neuen Vorschlag: Wie wäre es mit „divers“ als Religionszugehörigkeit? Mit neuerlichem Kopfschütteln wurde unser progressiver Einwurf niedergeschmettert. Letztlich mussten wir uns mit der Bezeichnung „konfessionslos“ zufriedengeben.

          Die Konfessionslosigkeit unseres Sohns wird aber nicht nur durch den Staat, sondern auch von den Religionsgemeinden erzwungen. Aus Sicht beider Orthodoxien ist er weder jüdisch noch muslimisch. Das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, legt fest, dass das Jüdischsein über die Mutter, das islamische Gesetz regelt, dass das Muslimsein nur vom Vater weitergegeben wird. Eine umgekehrte Vater-Mutter-Konstellation wäre aus orthodoxer Sicht womöglich einfacher – lieber ein Doppelpass statt staatenlos, sozusagen.

          Traurigerweise folgen beide Verbände in Deutschland der orthodoxen Sicht der Dinge so streng, als würde jede andere Auslegung den Untergang der eigenen Gemeinschaft heraufbeschwören. Dabei würde sich ein Blick über den deutschen Tellerrand lohnen. Ein Argument für die Erweiterung der Religionsweitergabe für beide Elternteile wäre etwa die Geschlechtergerechtigkeit.

          Die Patrilinearität im Islam ist nicht ohne Gegenbeispiel: So gibt es auf der Insel Sumatra in Indonesien eine muslimische Community, in der ähnlich wie im Judentum das Prinzip der Matrilinearität gilt. Die Minangkabau-Community gilt als größte matriarchale Gesellschaft der Welt. Nicht nur die Religionszugehörigkeit, sondern auch das Eigentum und sogar der Thron in der Königsfamilie wird über die Linie der Frau vererbt. Die Abweichung ist Fundamentalisten natürlich ein Dorn im Auge, und die Community wird auch von Salafisten auf der Insel häufig angefeindet.

          Im Islam nennt man das Takfir

          Auch die Festlegung des Judentums auf die mütterliche Erbfolge kann infrage gestellt werden. Bis etwa 200 n. Chr. galt das patrilineare Prinzip. In Amerika beschloss die Central Conference of American Rabbis als Reaktion auf die Verbreitung von „mixed marriages“ schon 1983, Kinder jüdischer Väter als vollwertige Juden anzuerkennen, sofern sie jüdisch erzogen werden. Seitdem sind fast alle jüdischen Gemeinden im Westen dem Vorbild gefolgt. In Deutschland ticken die Uhren langsamer:

          Es ist nicht lange her, als der Zentralrat der Juden den Lyriker Max Czollek zum Nichtjuden erklärte, weil er keine jüdische Mutter hat. In einer liberalen, pluralen Gesellschaft ist es ein außergewöhnlicher Vorgang, dass ein Religionsverband öffentlich einer Privatperson ihre Religionszugehörigkeit abspricht. Im Islam wird das als Takfir bezeichnet: ein Vorgang, der heutzutage eher in Iran oder in Saudi-Arabien praktiziert wird.

          Was unseren Familien Angst macht

          Ob diese theologischen Fragen unseren Sohn in Zukunft tatsächlich beschäftigen werden, wissen wir nicht. Aber für unsere Familien ist es aktuell eine zentrale Frage: Was ist er denn nun – Jude oder Muslim? Hier wird schnellstens eine klare Antwort verlangt. Das fängt schon beim Namen an. Wir haben uns für einen arabischen Vornamen und einen jüdischen Nachnamen entschieden. Auf Spotify haben wir eine Playlist erstellt, in der Songs auf Hebräisch, Arabisch und Urdu abwechselnd laufen – von zionistischen Kinderliedern aus den Zwanzigern bis zu Koranversen, die Gott lobpreisen.

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