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Lehrermangel : Schulmusik im Notstand

  • -Aktualisiert am

Juliane Liebing leitet im Gymnasium Dresden-Pieschen den Musikunterricht, aufgenommen am 12. September 2019. Bild: dpa

Bundesweit fehlen 23.000 Musiklehrer an den Grundschulen. Der Mangel wird sich verschärfen. Und ein politischer Wille zur Abhilfe ist nicht erkennbar.

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          Der Lacher ist billig zu haben, wenn eine Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov herausfindet, dass sechs Prozent der befragten Deutschen im Alter von mehr als achtzehn Jahren, die gerade noch so wissen, wer Ludwig van Beethoven war, glauben, er sei blind gewesen, nicht taub. Um Beethoven nämlich geht es schon längst nicht mehr. Es geht in Deutschland elementar darum, dass viele Kinder kaum noch in der Lage sind, mit der eigenen Stimme einen Ton richtig abzunehmen, eine Melodie nachzusingen, hohe und tiefe Töne zu klassifizieren oder Gehörtes irgendwie mitteilbar zu beschreiben. Wie denn auch? Es bringt ihnen ja niemand mehr bei. Von den mehr als vierzigtausend Stellen, die nötig wären, um das Fach Musik an deutschen Grundschulen lehrplangemäß zu unterrichten, sind nur 17.300 besetzt. Das ist das Ergebnis einer großangelegten Studie der Bertelsmann-Stiftung, die gestern veröffentlicht wurde. Es fehlen bundesweit mindestens 23.000 ausgebildete Musiklehrer in den Grundschulen, wobei nur die Daten aus vierzehn Bundesländern Eingang in die Studie fanden, da es aus Bayern und dem Saarland keine Rückmeldungen gegeben habe.

          Für den Bundesdurchschnitt heißt das: Nur 43 Prozent des Unterrichts werden von Fachlehrern erteilt, fünfzig Prozent würden fachfremd unterrichtet, sieben Prozent fallen ganz aus. Die Lage werde sich zuspitzen, weil in den kommenden acht Jahren weitere zweitausend Musiklehrer in den Ruhestand gingen, für die es keinen Nachwuchs gebe. Neu sind diese Befunde beileibe nicht. Es gibt seit Jahren Lehrerforen im Internet zum Thema „Musik fachfremd unterrichten“, sogar schon eine gleichnamige Rubrik auf dem Bildungsserver des Landes Baden-Württemberg. Mehrere Verlage haben daraus ein eigenes Marktsegment für Lehrbücher gemacht. Es steht dabei viel auf dem Spiel. Denn der Musikunterricht in den Grundschulen ist für Kinder aus bildungsfernen oder einkommensschwachen Schichten oft die einzige Gelegenheit, überhaupt mit Musik in kreativer, begriffs- wie geschmacksbildender Weise in Berührung zu kommen.

          Eine Studie der Universität Paderborn zu den Langzeitwirkungen des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ belegte im Januar, dass ehemalige Teilnehmer des seit 1964 veranstalteten Wettbewerbs für Kinder und Jugendliche selbst dann, wenn sie keinen Beruf, der mit Musik zu tun hat, ergriffen haben, ein signifikant höheres Bildungsniveau besäßen. Zudem sei ihre Lebensqualität höher. Allerdings stammte die Mehrzahl der Befragten ohnehin schon aus Haushalten mit Eltern in akademischen Berufen. Dieser mittlerweile immer stärker werdenden sozialen Entmischung der Niveaus von Bildung und Lebensqualität in Deutschland könnte und sollte der Musikunterricht an den Grundschulen, wie bescheiden auch immer, entgegenwirken. Dazu braucht es aber einen entschlossenen politischen Willen, unsere Zukunft multipler Glücksfähigkeit zu sichern.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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