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Corona-Folgen für die Kultur : Die Kunst der Selbsthilfe

Augen zu und durch: Trotz Pandemie begeht ein Abiturjahrgang den Schulabschluss mit einem Tanzfest. Bild: Reuters

In Minsk hat sich die Zivilgesellschaft selbständig gemacht, doch in Armenien waren viele zu sorglos: Musiker aus postsowjetischen Ländern diskutieren die Folgen der Corona-Krise.

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          In Osteuropa hat die Corona-Krise das Kulturleben paralysiert und staatliche Defizite verstärkt, die Künstler durch internationale Kooperationen zu überbrücken versuchten. Das Projekt „Music and Dialogue“, das mit Unterstützung des Auswärtigen Amts junge Musiker aus der Ukraine, Belarus, Armenien, Georgien, Russland und Deutschland im ostukrainischen Krisengebiet nahe der Grenze zur „Volksrepublik“ von Lugansk zusammengebracht hat, um Konzerte in der kriegsgezeichneten Region zu geben, musste sein für Juli geplantes Barockprogramm auf den Herbst verschieben. Ersatzweise trafen sich Kernteilnehmer jetzt auf Zoom, um die Situation in ihren Ländern zu diskutieren.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Kulturmanagerin Anna Kazakova, die im belarussischen Minsk die organisatorischen Fäden zusammenhält, erzählte, wie der autoritär regierende Präsident Aleksandr Lukaschenka die Pandemie ignoriert. Doch auf Initiative vor allem von Künstlern und Medientechnologen habe sich die Zivilgesellschaft unabhängig gemacht, so Kazakova. Die Leute hielten sich aus eigenem Antrieb an Hygieneregeln. Über die Crowdfunding-Plattform MolaMola wurden insgesamt 300 000 Euro gesammelt, um Ärzten, denen die Behörden verboten hatten, öffentlich über die Seuche zu sprechen, die fehlende Schutzausrüstung zu spenden.

          Machtkampf in Minsk

          Aber unlängst wurde MolaMola von ihrem Träger, der Belgasprombank, gesperrt. Denn die Bank, eine Tochter des russischen Gasprom-Konzerns, wurde vom Staat übernommen, weil ihr langjähriger Direktor Viktor Babariko bei den Präsidentschaftswahlen im August gegen Lukaschenka antreten will. Babariko wurde verhaftet. Ihm werden kriminelle Geschäftsmethoden und – besonders absurd – die Absicht vorgeworfen, Gemälde weißrussischer Künstler, die er auf internationalen Auktionen kaufte und nach Minsk holte, ins Ausland zu bringen. Es sei schlimm, sagt Kazakova, wenn der Staat nicht nur den Menschen nicht hilft, sondern sie auch daran hindert, sich selbst zu helfen.

          In der Ukraine, wo täglich gut sechshundert Neuinfektionen gemeldet werden, öffnen nach wochenlanger Schließung einige Bühnen wieder. Beim Kiewer Symphonieorchester proben schon die Streicher, mit Masken, aber ohne ihren Chefdirigenten Luigi Gaggero, weil der als Ausländer vorerst nicht einreisen darf, berichtete die Flötistin Inna Vorobets. Proben von Bläsern seien bis Juli verboten. Doch die staatlich angestellten Orchestermitglieder bekämen ihr Gehalt. Die Lemberger Oper probt unterdessen für Freilichtaufführungen, sagte die Geigerin Lesya Dermenzhi. Der ostukrainische Landkreis Lugansk hat mit nur insgesamt sechzig Corona-Fällen die niedrigste Zahl im Land. Das Theater der Kreishauptstadt Sewerodonezk, wo „Music and Dialogue“ stattfindet, zeigt das Vierpersonen-Singspiel „Natalka Poltawka“ von Mykola Lysenko. Von den siebzig Zuschauerplätzen – bei fünf Quadratmetern Platz für jeden – würden vorerst nur fünfzehn besetzt, gestand die Dramaturgin Tetjana Plis, vielleicht hätten viele noch Angst.

          In der „Volksrepublik“ ist die Statistik geheim

          Aus dem von prorussischen Söldnern besetzten Lugansk war die Lehrerausbilderin des Kulturministeriums Tatjana Sagazkaja aus dem Homeoffice zugeschaltet, die berichtete, in der Volksrepublik würden die Corona-Statistiken geheim gehalten; es gäbe aber kaum Krankheitsfälle. Die Lugansker Theater spielten derzeit online, Musiker leider gar nicht. Die Leute liefen mit selbstgenähten Masken herum, sagte Sagazkaja, die gestand, sie finde diese „Maulkörbe“ unsinnig.

          Dem widersprach emphatisch die Geigerin des armenischen Symphonieorchesters Monika Mchitarjan, die selbst an Corona erkrankt war, ebenso wie ihre Mutter, und deren Schwester noch in der Klinik liegt. Armenien ist von der Seuche schwer betroffen, bei drei Millionen Einwohnern verzeichnet es täglich sechs- bis siebenhundert Neuinfektionen. Viele Armenier hätten die Gefahr unterschätzt, Hygieneregeln ignoriert und so die Lage verschlimmert, sagt Mchitarjan, ihr Land habe Ärzte aus Frankreich und Litauen um Unterstützung bitten müssen.

          Eine russische Projektteilnehmerin, die Geigerin Tatjana Subowa, meldete sich aus Bern, wo sie einen Meisterkurs absolviert. Subowa lobt die Art, wie die Schweiz mit der Krise umgeht. Im Gegensatz zu ihrer Heimat habe der Staat den Menschen die Lage klar erklärt, und diese hätten sich diszipliniert verhalten. Obwohl Reisen wieder möglich sind, zögert Subowa, ihre Mutter in Wladimir zu besuchen, weil sie dann zwei Wochen in strenger Quarantäne verbringen müsste. Umso mehr genießt sie es, nach der langen Zwangspause endlich wieder mit anderen Musikern zusammenzuspielen.

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