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Musikalische Früherziehung : Wie viel Ernst im Kinderspiel steckt

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Im Musikkindergarten in Berlin Bild: F.A.Z. - Foto Christian Thiel

Neurophysiologen schätzen sie, eine Langzeitstudie belegt ihre Wirkung: Musikalische Früherziehung ist aktueller denn je. Doch was wir brauchen, ist mehr künstlerische Professionalität und weniger Pädagogisierung. Ein Plädoyer von Julia Spinola.

          Einmal pro Woche ereignet sich im Musikkindergarten Berlin eine kleine Sensation. Da kommen Musiker aus Daniel Barenboims Staatskapelle zu Besuch. Sechzig Kinder im Alter von anderthalb bis fünf Jahren horchen auf, wenn das gemeinsame Singen im „Morgenkreis“ durch ferne, lockende Klänge unterbrochen wird. Zunächst noch hinter verschlossenen Türen erklingen zum Beispiel kleine Improvisationen über das Kinderlied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“, intoniert von einem Streichtrio. „Cello, nein: Kontrabass!“, „Und Bratsche!!“, „Und eine Geige“, schrillt es begeistert durch den Raum.

          Die instrumentale Besetzung des Ständchens ist schnell erraten. Wenn dann der Violinist eintritt, sein Instrument zwischen den Knien hält und es mit einem Kontrabass-Bogen malträtiert, ist die Empörung groß: „Einen kurzen Bogen brauchst Du!“ schallt es ihm entgegen. „Du musst die Geige an den Hals nehmen!“ „Wo ist denn überhaupt dein Kontrabass?!“ Nun erscheinen auch die beiden anderen Instrumentalisten. Das Lied erklingt in vielen ungewöhnlichen Varianten. Es entspinnt sich eine lautstarke Diskussion darüber, wer die Begleitung, wer die Melodie zu spielen habe, warum die Geige die Bratsche nachahme, statt umgekehrt, und ob das Ganze eher in einem jahrmarktmäßigen Fortissimo oder doch lieber samtpfötig leise vorzutragen sei. Man stimmt ab. Die Lust auf einen großen Radau siegt. Weil aber die musikalischen Vorstellungen genauer betrachtet doch sehr verschieden sind, darf, wer möchte, das Trio einmal selber dirigieren.

          Allerorten wird gesungen, geflötet und gefiedelt

          Was für ein Glanz überstrahlt die ungläubigen Kindergesichter bei der Entdeckung, dass das Spiel der Instrumentalisten plötzlich den eigenen Bewegungen entsprechend verändert! Ein fünfjähriger, sehr wacher Junge verwandelt das Lied präzise fuchtelnd in eine expressionistische Gefühlsachterbahn mit jähen Tempowechseln und exzentrischen dynamischen Umschwüngen: begeisterter Applaus!

          Professionelle Musiker erklären den Kindern ihre Instrumente

          Die musikalische Früherziehung boomt. Seit Neurophysiologen und Musikpädagogen auf die positiven Transferwirkungen musikalischer Betätigung hinwiesen, seit sich das Musikland Deutschland mit den niederschmetternden Ergebnissen der Pisa-Studie 2000 auseinandersetzen musste, seit Hans Günther Bastians Langzeitstudie „Musik(erziehung) und ihre Wirkung“ für Diskussionen sorgte - seitdem beginnt man sich im Lande Bachs und Beethovens allmählich wieder auf die Qualitäten der Musik zurückzubesinnen. Allerorten wird nun wieder gesungen, geflötet und gefiedelt, das es eine Art ist, sprießen die Kinderchöre aus dem Boden, werden schon Säuglinge mit Mozart beschallt, Kleinkinder möglichst scharenweise im Blockflötenspiel unterwiesen und wetteifern die Kindergärten mit dem Angebot von Orff-Spielgruppen, Rhythmik oder elementaren Tanz- und Bewegungskursen.

          Musikerziehung um der Musik willen? Suspekt!

          Der Musikkritikerin müsste angesichts dieser neuen Popularität ihres Gegenstandes eigentlich das Herz aufgehen! Stattdessen macht sich auch ein Unbehagen breit. Denn das Glück und die immensen Bildungschancen, die in der Beschäftigung mit Musik liegen können, erscheinen bei näherer Betrachtung auch ambitionierter Projekte nur allzu oft getrübt.

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