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Musikalische Früherziehung : Wie viel Ernst im Kinderspiel steckt

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Eine Konsequenz, die sie als Mitarbeiterin an der von Christian Schuller geleiteten Kinderoper in Köln aus dieser Erfahrung zog, war die Maxime, hier die gleichen, professionellen Maßstäbe zu anzusetzen, wie sie für die Produktionen am Großen Haus galten: kein Kinderkram, auch keine „Kindermusicals“, sondern nur „echte“ Kunstwerke! Im Übrigen gilt Analoges für den erwachsenen Laien. In den Unterrichtsstunden von Arnold Schönberg übten sich neben angehenden Komponisten auch interessierte Nichtmusiker fleißig im Tonsatz - mit großem Erkenntnisgewinn für ihr gesamtes Leben, wie es man etwa dem Bericht eines Metallarbeiters entnehmen kann, der erklärte: „Auch selber denken, mich auf mich selbst verlassen können, hat mich Schönberg gelehrt!“

Kritik und Ressentiment

In der gängigen musikpädagogischen Praxis aber scheint die Sorge darum, unerwünschte „Fixierungen“ und „Spezialisierungen“, wie sie womöglich durch das frühe Erlernen eines Instruments entstehen könnten, zu vermeiden, größer zu sein, als die Angst, durch eine unsublimierte Geschäftigkeit die Ausdrucksmöglichkeiten der Musik zu verschenken.

Die Kritik an dieser ressentimentgeladenen Haltung, die mit der einen Hand das wegnimmt, was sie mit der anderen verspricht, nämlich Persönlichkeitsbildung durch musikalische Tätigkeit, ist alles andere als neu. Theodor W. Adorno und Ernst Krenek übten sie schon von den zwanziger Jahren bis in die sechziger hinein. Auch die Opposition war damals die gleiche: Das Ideal einer werkorientierten ästhetischen Erziehung stand gegen eine bloße Funktionalisierung von Musik. Fast militant wurden Hindemiths Kompositionen für Laien von einem Vertreter der Jugendmusikbewegung, einem Mitglied der Musikantengilde, gescholten, diese seien „weder volkstümlich noch führen sie zu einer volkstümlichen Musikübung hin“, sondern vielmehr „zu überfeinerten höchstdifferenzierten Kunstwerken“.

Lustvolles Experimentieren im Kindergarten

Blicken wir nochmals auf den Musikkindergarten in Berlin mit seinem Privileg der engen institutionellen Anbindung an die Staatsoper Unter den Linden: Tatsächlich scheint die Musik in den großzügigen Räumlichkeiten in Berlin-Mitte, die den Kindergarten seit September 2006 beherbergen, allgegenwärtig zu sein. Neben den übrigen Spielsachen liegen in jedem Raum Instrumente jederzeit griffbereit in den Regalen. In zahlreichen Spielen und Experimenten widmen sich die Kinder verschiedenen Möglichkeiten der Lauterzeugung, erforschen die eigene Stimme oder basteln Fantasieinstrumente.

Gelegentlich dürfen sie Proben an der Staatsoper besuchen, sich im Orchestergraben und zwischen den Kulissen tummeln. Aber was es nicht gibt, ist ein Unterricht, in dem das musikalische Artikulationsvermögen jedes einzelnen Kindes gezielt entwickelt, gar ein Instrument gelernt würde. Und mehr noch: Es soll sie gar nicht geben. Denn man möchte keine kleinen Musiker heranziehen, sondern die allgemeine Kompetenzentwicklung fördern: „Die Kinder in unserem Musikkindergarten sind ruhiger und aufmerksamer als die anderer Kitas“, schwärmt die frühere Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main, Linda Reisch, die an der Gründung des Kindergartens maßgeblich beteiligt war. Sie unterstützt ihn seither auch mit großem Engagement als ehrenamtlich arbeitende Geschäftsführerin. „Unsere Kinder haben eine weiter entwickelte soziale und sprachliche Kompetenz.“

„Wir wollen keinen Drill“

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