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Brüsseler Museum in der Kritik : Ist die Geschichte Europas überhaupt darstellbar?

„Ein neomarxistisches Narrativ“

Pawel Ukielski moniert in seinem Artikel, man könne den Gesamttext nirgendwo lesen. Das stimmt. Zur Begründung erklärt uns die Direktorin des Museums, Constanze Itzel, man wolle die verschiedenen Ausdrucksformen – Kunstwerke, Alltagsobjekte, Texte, Fotos, Filme und Raumzitate – nicht auseinanderreißen. Ein legitimes Argument. Der Kommentar selbst, alles zusammengenommen, umfasst etwa 160 Seiten. Der Duktus ist einfach und klar, oft thesenhaft, manchmal grob wie ein Holzschnitt – der Text muss schließlich in 24 Sprachen verständlich sein, und da wären stilistische Hochseilübungen eher hinderlich. Jedem dürfte also klar sein, dass Europas Geschichte auf diese Weise nicht erschöpfend abzuhandeln ist. Texte, Medien und Gegenstände wirken nur gemeinsam, und sie sind als Anregung zu verstehen, nicht als letztes Wort. Immerhin ergeben alle Videos zusammen mehr als zwei Stunden Film, auch das ist Teil der Aussage.

Ukielski bemängelt, im Haus der Europäischen Geschichte komme das Christentum nicht ausreichend vor, die Rolle von Papst Johannes Paul II. beim Zusammenbruch des Kommunismus werde nicht gewürdigt, die Deutschen erschienen eher als Opfer denn als Verursacher der Verwüstungen durch die Nazis, außerdem gebe es keinen Shakespeare, keinen Goethe, keinen Chopin. Und der Holocaust? „Fehlt in der Ausstellung fast völlig.“ Dem Besucher werde ein „neomarxistisches Narrativ“ vorgesetzt, „das die komplexe Geschichte unseres Kontinents und die Vielfalt seines Erbes nicht widerspiegelt“.

Großteil des Angriffs lässt sich entkräften

Ein Großteil dieser Angriffe lässt sich im Museum mühelos entkräften; mancher Vorwurf ist schlicht falsch und beruht auf mangelnder Kenntnis der Ausstellung. An der deutschen Verantwortung für Krieg und Holocaust wird kein Zweifel gelassen. Chefkuratorin Andrea Mork führt uns in die Abteilung, die verschiedene Sichtweisen auf das Phänomen der Shoah reflektiert. Und wenn man sich die Sprache anschaut, mit der in den Begleittexten, aber auch im Museumsführer (der ebenfalls in 24 Sprachen erhältlich ist) von der kommunistischen Diktatur und sowjetischer Kontrolle die Rede ist, wirkt der Vorwurf eines „neomarxistischen Narrativs“ abwegig.

Von transnationaler Bedeutung: das Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel

Lohnender ist allemal der Subtext der Vorwürfe. Gefordert wird die Darstellung einer genuin anderen europäischen Identität: christlich, nationalstaatlich, antikommunistisch. Das ist aus polnischer Sicht verständlich. Das Land, das im Zweiten Weltkrieg zusammen mit der Sowjetunion die höchste Zahl an Opfern zu beklagen hatte und das immer wieder zwischen mächtigen Nachbarn im Osten und im Westen zerrieben wurde, könnte der patriotischen Selbstvergewisserung stärker bedürfen als andere Länder. Wir werden Ukielskis Namen wiederbegegnen, wenn es demnächst um die Idee eines Berliner Denkmals für die polnischen Opfer im Zweiten Weltkrieg geht.

Wie wichtig das Thema genommen wird, verriet der Brief des polnischen Kulturministers Piotr Glinski, mit dem er am 25. September direkt bei Antonio Tajani, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, gegen das Geschichtsbild des Brüsseler Museums protestierte. In der Sache allerdings zielen die Vorwürfe oft ins Leere. Denn eine „ausgewogene“ Darstellung der europäischen Geschichte gibt es nicht. Kaum eine Opfergruppe wird sich „gerecht“ behandelt oder vollständig repräsentiert fühlen. Die Klage aus Polen, im Haus der Europäischen Geschichte nicht angemessen dargestellt zu sein, ist ihrerseits ein gegenwartstypisches Krisensymptom. Krise des Nationalstaats? Krise der Europäischen Union? Das wäre herauszufinden.

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