https://www.faz.net/-gqz-94cpu

Brüsseler Museum in der Kritik : Ist die Geschichte Europas überhaupt darstellbar?

Das Graue und Langweilige des Parlamentarismus

Auf der untersten Ebene kann man diesen Erklärungswunsch, der seit Brexit, Populismus und den neuen Nationalismen besonders innig geworden ist, am touristischen Angebot ablesen. 2011 etwa wurde in Brüssel das „Parlamentarium“ eingeweiht, ein elegant gestaltetes Ausstellungshaus über das Wirken des Europäischen Parlaments, das bis heute 1,8 Millionen Menschen besucht haben. Um das fundamental Graue und Langweilige des Parlamentarismus vergessen zu machen, locken die Räume mit zahllosen Bildschirmen und aufwendigem Lichtdesign. Jeden der 751 EU-Parlamentarier kann man sich mit Bild und Vita anschauen.

Das neue Museum zeigt mit etwa 1500 Objekten die Geschichte des europäischen Kontinents.

Zwischendurch gibt es ein paar auffallend junge Abgeordnete, das sind die Leute neuer Protestparteien wie der spanischen Podemos oder der italienischen Fünf Sterne. Selten ist einem klarer geworden, dass junge Wähler(innen) wohl ihre Gründe haben, wenn sie für junge Politiker(innen) stimmen. Denn Europa, das heißt in der Regel: alte bis sehr alte Parlamentarier.

Große Zusammenhänge, dargestellt durch winzige Objekte

Seit dem letzten Mai ist in Brüssel eine weitere Attraktion hinzugekommen, das „Haus der Europäischen Geschichte“ im Leopold-Park. Wenn schon die Europa-Rhetorik der EU-Institutionen notwendig etwas Feierlich-Verwaschenes hat, weil die supranationale Einrichtung am Ende deutlich von nationalen Interessen gelenkt wird, darf es nicht wundern, dass auch das Haus der Europäischen Geschichte der programmatischen Uneindeutigkeit nicht entgeht. Wie sollte sich auch eine Fortschrittsgeschichte im Namen von 28 Ländern schreiben lassen? Zu alt ist die europäische Geschichte selbst, zu verschieden sind die Wege, auf denen die heutigen Mitgliedstaaten zur Europäischen Union gestoßen sind, zu disparat Hoffnungen, Empfindlichkeiten und Ansprüche. Der polnische Historiker Pawel Ukielski, stellvertretender Direktor des Museums des Warschauer Aufstands, hat dem Museum in dieser Zeitung zahlreiche Mängel, Auslassungen und eine generelle Schieflage vorgeworfen. Da er dabei für andere Historiker aus Mittel- und Osteuropa sprach, lohnt es sich, die Argumente in der Ausstellung nachzuprüfen.

Kritik am Museum: Der Holocaust wird kaum thematisiert.

Zuerst aber die Frage, was das Haus der Europäischen Geschichte überhaupt will beziehungsweise nicht will. Es ist zum Beispiel, laut Selbstaussage, keine Aneinanderreihung von Nationalgeschichten. Es hat mit seinen 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche nur begrenzten Platz, und auch sein Anschaffungsbudget war bescheiden. Zudem ist es erkennbar eine pädagogische Angelegenheit, die sich vor allem an Fachfremde, Schüler und Jugendliche wendet – als Anregung, weiter zu forschen und neue Fragen zu stellen. Eine Besonderheit: Oft stellt das Museum große Zusammenhänge durch winzige Objekte dar, die der textlichen Erläuterung bedürfen. Dass es anders als in normalen Museen keine Beschriftungen gibt, liegt wiederum an der europäischen Vielfalt. Alle 24 offiziellen EU-Sprachen sollen bedient werden, und das geht nur, indem sich Besucher das Tablet ausleihen (alles kostenlos), ihre Sprache einstellen und mit dem digitalen Textangebot durch die Räume marschieren.

Weitere Themen

Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

Topmeldungen

Demonstranten gehen in Hongkong am Donnerstagabend abermals auf die Straße, um gegen die geplanten politischen Reformen zu protestieren.

Proteste in Hongkong : Der rasante Verfall der Meinungsfreiheit

China übt druckt auf jedes Unternehmen aus, das die Hongkonger Demonstranten unterstützt. Unter den Mitarbeitern der Fluglinie Cathay Pacific herrschen inzwischen Angst und Misstrauen.

Fed-Präsident Jerome Powell : Der Buhmann, der nicht golfen kann

Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.