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Museum im Widerspruch : Und wer weint um die Witwe Nathan?

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Um Dr. Gachet wurde getrauert, um Dr. Weinberg nicht: Van Goghs Gemälde wurde 1937 als „entartete Kunst” aus dem Städel entfernt Bild: picture-alliance / dpa

Das Frankfurter Städel Museum lässt seine Geschichte zwischen 1933 und 1945 erforschen. Erste aufsehenerregende Ergebnisse liegen vor. Bei der Tagung „Museum im Widerspruch“ wurden sie nun der Öffentlichkeit vorgestellt.

          Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat ein Museum eine externe Forschergruppe herangezogen, um die Rolle des eigenen Hauses im Nationalsozialismus zu recherchieren. Im Jahr 2008 beauftragte Max Hollein, Direktor des Städelmuseums, des Liebieghauses und Leiter der Schirn Kunsthalle, die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ unter der Leitung des Kunsthistorikers Uwe Fleckner, den widerspruchsvollen Weg des Städelschen Kunstinstituts zwischen 1933 und 1945 nachzuzeichnen. Nun wurden die Resultate auf einer Tagung erstmals öffentlich im Frankfurter Städel vorgestellt – eine Publikation folgt. Und es zeigte sich jetzt schon: Die Ergebnisse sind bahnbrechender, als sich das irgendeiner der Beteiligten zu Beginn hätte vorstellen können. Was die Forschergruppe in einem vollen Saal vortrug, wird Modellcharakter haben: Es ist wegweisend sowohl für die Kunstgeschichte als auch für die Museumspolitik. Man hat eine Mikrogeschichte unter die Lupe genommen und sich dabei die Struktur einer Makrogeschichte erschlossen. Sie reicht über 1945 hinaus.

          Um zu verstehen, was in Frankfurt nicht nur zum Fall einer einzelnen Institution auf dem Tisch kam, muss man sich vergegenwärtigen, dass die Kunstgeschichte, inbesondere die deutsche, ein hochmoralisches Fach ist. Vor ein Bild habe jeder sich hinzustellen „wie vor einen Fürsten“, dozierte Arthur Schopenhauer im neunzehnten Jahrhundert, und die Kunstgeschichte nahm es sich zu Herzen. Die Rhetorik des Fachs prägt bis heute ein Vokabular der Rührung und Überwältigung, der Verehrung, Hingabe, Erschütterung und Demut. Wer kunsthistorische Texte aufmerksam liest, wird feststellen, dass darin Bilder häufig den Status von Personen haben.

          Man fragte nach Kunst, nicht nach Menschen

          Auf die kunsthistorische Forschung zum Nationalsozialismus bezogen, heißt das, dass die Geschichte der sogenannten „entarteten Kunst“ ganz ausgezeichnet erforscht ist. Als sich 2007 die berüchtigte gleichnamige Ausstellung im Münchner Haus der Kunst zum siebzigsten Mal jährte, gab es zahlreiche Ausstellungen; Kataloge und Bücher erschienen. Im Haus der Kunst erinnern schon lange Tafeln daran, dass hier Bilder und Skulpturen beschimpft, verhöhnt und verleumdet wurden. Die Aufgabe, die Diffamierung der Moderne zu revidieren, wurde nach 1945 so ernst betrieben, als ginge es um die Rettung einer Person.

          Das Frankfurter Städel Museum feiert gerade mit seiner Botticelli-Ausstellung einen überwältigenden Publikumserfolg

          Das klingt erst einmal vielversprechend, nach einem Fach, das in seiner Geschichte ordentlich aufgeräumt hat – wenn diese Personifikation von Kunstwerken nicht eine unheimliche Kehrseite hätte, eine fest verschlossene Blackbox, die in Frankfurt nun geknackt wurde. Was alle Vorträge zeigten, war, dass die Personifikation von Bildern oder Skulpturen verblüffend häufig Hand in Hand mit der Entpersonalisierung von Menschen gehen kann. Es zeichnet sich eine unheimliche Kontinuität ab, die die Zeit des Nationalsozialismus überragt. Auf die Nachkriegskunstgeschichte bezogen, heißt das: Die großen Debatten drehten sich um Kunstwerke, um Fragen des Stils, ob etwa figürlich oder abstrakt gemalt werden sollte. Zahlreiche Museumsdirektoren bemühten sich darum, die moderne Kunst wieder in ihren Häusern zu zeigen, also die „entartete Kunst“ zu rehabilitieren.

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