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Museen : Unschöne Kröten, Seele verkauft

Hannover hatte eine Nikolaus-Heidelbach-Ausstellung - Köln bekommt keine Bild: picture-alliance / dpa

Erst wird eine Ausstellung plötzlich abgesagt, dann die Direktorin Birgitt Borkopp-Restle beurlaubt, und das ist noch lange nicht alles: Was ist eigentlich mit Kölns Museum für Angewandte Kunst los?

          Die Ausstellung war bereits angekündigt, doch als sie am 23. November 2007 eröffnet werden sollte, verstrich der Termin unbemerkt. Eine offizielle Begründung dafür gab es nicht, keiner Zeitung ist die Absage aufgefallen, kein Besucher hat enttäuscht Alarm geschlagen, und auch die Künstler hielten erst einmal still und hofften, dass vielleicht doch noch etwas daraus wird. Das Institut, das sich derart fernab des Rampenlichts tummelt, ist in einer Stadt ansässig, die sich als Kunstmetropole versteht und ihm ihr schönstes Schatzhaus überlässt: Das Museum für Angewandte Kunst in Köln bespielt seit 1989 das Gebäude, das Rudolf Schwarz 1957 für das Wallraf-Richartz-Museum errichtet hat.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          „Die Ausstellung ,Von schönen Kröten und schwankenden Pyramiden. Norman Junge und Nikolaus Heidelbach' kann aus organisatorischen Gründen zum angegebenen Zeitpunkt leider nicht stattfinden. Über einen neuen Termin wird verhandelt“, speist ein Schild neben dem Eingang das Publikum ab. Das klingt nach Ausrede und ist es wohl auch; zumindest der Nachsatz stimmt schon lange nicht mehr. Denn den Künstlern und ihrem Kurator Thomas Linden wurde die Schau abgesagt - ohne Aussicht darauf, dass sie nachgeholt wird. Nur warum, das ist schwer zu durchschauen.

          Stillschweigen vereinbart

          Es habe „keinen ausfinanzierten Etat“ dafür gegeben, erklärt Kulturdezernent Georg Quander, den Künstlern aber war Anfang Mai 2007 versichert worden, dass die Finanzierung stehe, und so hatten sie sich ans Werk gemacht. Durch mehrere Räume und das große Treppenhaus sollte die Ausstellung laufen und die fließenden Übergänge zwischen Angewandter und Bildender Kunst darstellen. Als Publikum wurden Familien und Schulklassen angepeilt. Die Gestaltung eines Bilderbuchs sollte nacherlebt und ein solches gar leibhaftig durchwandert werden können. Auch ein üppiges Begleitprogramm war geplant, und die aufwendige Publikation dazu erscheint im April im Greven Verlag. Schließlich geht es auch um die Würdigung zweier Buchillustratoren, die seit Jahrzehnten in Köln zu Hause sind.

          Auch dass die Schau arg teuer geworden wäre und das vom Kulturausschuss hätte genehmigt werden müssen, wird hinter vorgehaltener Hand behauptet. Andererseits wird darauf verwiesen, dass das Haus - wie jedes Kölner Museum - 2007 erstmals wieder über einen eigenen Ausstellungsetat in Höhe von 170.000 Euro verfügte und dieser, angesichts des bisherigen Programms, nicht ausgeschöpft war. Die Direktorin, die alle Spekulationen beenden könnte, ist dazu nicht zu sprechen: Birgitt Borkopp-Restle wurde von ihren Dienstpflichten beurlaubt und - zunächst bis zum Herbst - mit einem Forschungsauftrag betraut. Wegen der „schwierigen personalrechtlichen Situation“ wurde Stillschweigen vereinbart, doch ist es in Köln kein Geheimnis, dass die Stadt die Beamtin loswerden will. Womöglich boten die Finanzierung und ein angeblich nicht fristgerecht gestellter Antrag nur den Vorwand, das Projekt zu kippen: Jedenfalls soll es der Museumsreferent nicht an den Kulturausschuss weitergereicht haben, damit der es zur Kenntnis nehmen und durchwinken kann.

          „Hoffnungslos überfordert“?

          Frau Borkopp-Restle, die 2005 aus München kam und als exzellente Wissenschaftlerin gilt, sei als Museumsdirektorin, so heißt es in Köln, „hoffnungslos überfordert“. Viel erreicht hat sie in knapp drei Jahren nicht, und doch ist diese Einschätzung eine zu einfache Wahrheit. Denn das Haus ist schwierig, seine Kuratoren sind selbstbewusste Köpfe und haben jeder Vorgesetzten, die von auswärts kommt, die genaue Kenntnis der örtlichen Kräfte- und Klüngelverhältnisse voraus. Schon die Vorgängerin Susanne Anna, die auf heißluftige Events gesetzt und sich 2003 ans Stadtmuseum Düsseldorf verabschiedet hatte, war gescheitert, und auch deren Vorgängerin Brigitte Tietzel hat sich an dem Haus nicht so wohl gefühlt, um ihm nicht das Textilmuseum in Krefeld vorzuziehen.

          Noch sehr viel stärker wird Frau Borkopp-Restles Bilanz von den Schwierigkeiten mit einer Design-Sammlung belastet, neben denen sich die Absage der Ausstellung von Junge und Heidelbach wie die Spitze des Eisbergs ausnimmt. Dabei geht es weniger um die Qualität der Kollektion von Richard G. Winkler, die nur für einige der 550 Objekte und 77 Gemälde strittig sein soll. Aus dem noch sehr viel größeren Besitz des Sammlers ausgewählt wurde dieses Konvolut von der für Design zuständigen Kuratorin Gabriele Lueg, die das Zustandekommen des Zuwachses eingefädelt und 2004 Teile davon in „Der viereckige Blick“ gezeigt hat. Ein externes Wertgutachten erstellen zu lassen, hat die Stadt gar nicht erst erwogen und die Schenkung 2005 angenommen. Winkler knüpfte nur eine Bedingung daran: Der Ostflügel sollte umgebaut und mit einer Klimatechnik versehen werden. Und er hegte den Wunsch, zum Professor ernannt zu werden. Wo die Stadt passen musste, sprang das Land Nordrhein-Westfalen ein, das ihm 2007 den Titel verlieh. Doch nicht die Sammlung und ihre Umstände, sondern wie mit ihr Politik gemacht wird, droht das Museum um seine Identität und Unabhängigkeit zu bringen.

          Auf Kenntnis verzichtet

          Die besten Stücke der Sammlung Winkler und der eigenen Bestände sollen in einer neuen Dauerpräsentation zusammenfinden, die Design und Kunst in Beziehung setzt: Für die reizvolle Aufgabe gewann Frau Borkopp-Restle, da Gabriele Lueg aus gesundheitlichen Gründen länger ausfiel, mit Annette Tietenberg eine Expertin, die in diesen Wechselwirkungen bewandert ist.

          Doch als sie dem Förderverein des Museums, der Overstolzengesellschaft, ihr Konzept vorstellte, musste sie schnell gewärtigen, dass selbstverständliche wissenschaftliche Standards wie die Überprüfung von Originalzustand oder Provenienz nicht gefragt waren, und so gab sie den Auftrag zurück. Als sich dann Gabriele Lueg wieder anbot, wurde auch auf ihre Kenntnis der Sammlung lieber verzichtet. Birgitt Borkopp-Restle hatte da schon nicht mehr das Sagen, da der Kulturdezernent die Design-Abteilung im März 2007 zur Chefsache erklärt und an sich gezogen hatte.

          Verkaufte Seele

          Inwieweit das auf Veranlassung des Sammlers oder aus Rücksicht auf ihn geschah, sei dahingestellt, jedenfalls ließ sich Winkler nicht lumpen und spendierte, um die Dauerpräsentation zu ermöglichen, auf einmal eine Million Euro, die - aus steuerrechtlichen Gründen - nicht der Stadt, sondern der Overstolzengesellschaft zugute kam. Erarbeitet aber wird die Ausstellung, die im Oktober eröffnet werden soll, nicht im Haus, sondern vom Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Dessen stellvertretender Direktor, Mateo Kries, hat das Konzept kürzlich vorgestellt, und das nicht im Museum, sondern auf der Möbelmesse. Kries, dessen Auftrag mit der Übergabe endet, ist bisher eher als Ausstellungsarchitekt denn als Kunsthistoriker in Erscheinung getreten. Das Knäuel der verschiedenen Kräfte und Interessen, Verantwortungen und Versäumnisse, Schuldzuweisungen und Kommunikationsblockaden zu entwirren ist schwierig.

          Eindeutig und kulturpolitisch symptomatisch ist etwas anderes: Dem Museum für Angewandte Kunst in Köln wird zugemutet, Befugnisse und Aktivitäten, die den Kern seiner Kompetenz ausmachen und ihm (wie der Position seines Direktors) Selbständigkeit garantieren (sollten), an Dritte abzugeben - an Sammler, Dezernat, Förderverein und Firmenmuseum. Was in der Wirtschaft „Outsourcing“ genannt wird, springt über auf die Kultur.

          Selten war die Parallele so evident: Eine Institution, die sich zunehmend nach Kriterien der Ökonomie bewertet sieht, wird nun auch deren Strategien unterworfen. Das Museum verkauft seine Seele.

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