https://www.faz.net/-gqz-941fb

Schriftsteller Muharem Bazdulj : „Das Klima in Serbien ist offener als das in Kroatien oder Bosnien“

Warten auf das Urteil: Eine Frau schreibt in das Buch der Gedenkstätte für die Mordopfer von Prijedor in der Serbenrepublik in Bosnien und Herzegovina. Bild: AP

Nach der langen Arbeit des Haager Tribunals sind die früheren Kontrahenten sich über die Fakten des Krieges nahezu einig. Sie bewerten sie nur anders. Was sagt der bosnische Schriftsteller Muharem Bazdulj dazu?

          6 Min.

          Das Haager Kriegsverbrechertribunal hat den früheren bosnisch-serbischen General Ratko Mladić zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Hat Sie das überrascht?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Nein. Nachdem mehrere Offiziere, die Mladićs Untergebene waren, bereits zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind, ebenso wie die damalige politische Führung der bosnischen Serben, etwa Radovan Karadžić und Biljana Plavšić, war dieses Urteil zu erwarten. Die Verbrechen, für die er für schuldig befunden wurde, verlangten nach einer schweren Strafe, und mildernde Umstände, etwa aufgrund seines Alters oder seiner schlechten Gesundheit, kamen schon deshalb nicht in Betracht, weil Mladić sich dem Tribunal jahrelang durch Flucht entzogen hat.

          Kann dieses Urteil Einfluss darauf haben, wie in der Region über die jüngste Vergangenheit debattiert wird?

          Für sich genommen nicht, aber zusammen mit anderen Tatsachen der Kriege der neunziger Jahre und als Bestandteil eines Mosaiks aus allen Urteilen des Haager Tribunals vielleicht schon. Es gibt zwischen den früheren Kriegsparteien heute kaum noch Meinungsverschiedenheiten über die Fakten – wohl aber über ihre Deutung. Keine maßgebliche politische Kraft im früheren Jugoslawien bestreitet heute, dass sich in Srebrenica im Juli 1995 schreckliche Verbrechen ereignet haben. Gestritten wird aber über die Klassifizierung dieses Verbrechens. In Belgrad und in der bosnischen Serbenrepublik vermeidet man es, im Zusammenhang mit Srebrenica von einem „Genozid“ zu sprechen, obwohl Serbiens Parlament diese Einordnung in einer Resolution vor einigen Jahren zumindest indirekt anerkannt hat. Auch der serbische Beschuss von Sarajevo während der Belagerung wird von niemandem bestritten – nur hört man von einigen die Rechtfertigung, dass schließlich aus der Stadt heraus auch Territorium unter serbischer Kontrolle beschossen worden sei, weshalb die getöteten Zivilisten als Kollateralschaden der Kämpfe zu werten seien. In Kroatien bestreitet fast niemand, dass die kroatische Armee 1995 bei der Rückeroberung serbisch besetzten Territoriums Verbrechen beging. Allerdings hört man in Zagreb oft, dass es sich nur um Einzelfälle handele, während man in Serbien sagt, die Vertreibung der Serben aus Kroatien sei das eigentliche Ziel der Kroaten gewesen. Bei Bosniens Muslimen, den Bosniaken, besteht ein Bewusstsein dafür, dass auch ihre Armee Verbrechen an Zivilisten begangen hat. Nur wird in Sarajevo behauptet, dass es sich dabei im Unterschied zu serbischen und kroatischen Verbrechen nicht um die Folge politischer Grundsatzentscheidungen handelte, sondern um isolierte Taten einzelner Einheiten.

          Das Kriegsverbrechertribunal schließt nun seine Pforten. Hat es seine Ziele erreicht?

          Immerhin wurden einige Verbrecher bestraft. Als das Tribunal 1993 geschaffen wurde, wurden manchmal Vergleiche zu den Nürnberger Prozessen angestellt, aber das führt aus mehreren Gründen in die Irre. Im früheren Jugoslawien hatten alle Kriegsparteien das Bedürfnis, die Kriege, die den Zerfall des Staates begleitet hatten, in ein archetypisches Bild von Gut und Böse zu überführen. In diesem Bild wurden dem Gegner jeweils die Eigenschaften des absolut Bösen zugeschrieben, wie es im 20. Jahrhundert durch den Nationalsozialismus verkörpert wurde. Deshalb bezeichneten Bosniaken und Kroaten die Serben als „Tschetniks“, also als Angehörige von Truppen, die im Zweiten Weltkrieg mit den Deutschen kollaboriert hatten. Umgekehrt bezeichneten Serben Kroaten als „Ustasche“, nach Hitlers kroatischem Juniorpartner auf dem Balkan. Bosniaken wiederum wurden von Kroaten und Serben als Angehörige der muslimischen SS-Division „Handzar“ gesehen.

          Muharem Bazdulj, geboren 1977 im bosnischen Travnik, ist ein führender Schriftsteller im ehemaligen Jugoslawien. Er veröffentlichte fünfzehn belletristische Bücher. Sein jüngster Roman „Puppe aus Marzipan“, über das Leben der tschechischen Schauspielerin und Goebbels-Geliebten Lida Baarova, ist in Serbien ein Bestseller.

          Niemand wollte verstehen, dass in Den Haag nicht eine Seite über die andere zu Gericht saß, sondern sozusagen eine höhere, neutrale Instanz über alle. Während in Nürnberg Sieger über Besiegte richteten, gab es im ehemaligen Jugoslawien keine absoluten Sieger und Verlierer. Die Serben haben die bosnische Serbenrepublik bekommen, aber aus weiten Teilen Kroatiens und halb Bosnien wurden sie vertrieben, auch aus für die serbische Kultur so wichtigen Städten wie Sarajevo oder Mostar. Vom Kosovo gar nicht zu reden. Die Kroaten bekamen ein praktisch monoethnisches Kroatien, aber in Bosnien erhielten sie anders als die Serben keine eigene Teilrepublik und wurden marginalisiert. Die Bosniaken hatten die meisten Opfer zu beklagen, haben sich als Volk aber emanzipiert und einen mehr schlecht als recht funktionierenden Staat bekommen, den sie allerdings nur zur Hälfte kontrollieren.

          Manche erwarten vom Tribunal einen Beitrag zur Versöhnung – ist das realistisch?

          Nein. Das war wohl auch nicht das Ziel des Gerichts, so etwas kann nicht Ziel eines Tribunals sein. Das Problem mit diesem Tribunal ist, dass es stets mehr eine politische als eine rechtliche Institution war. Ein Beispiel: Ohne die Solidität der Anklage gegen den damaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milošević in Zweifel ziehen zu wollen, gibt es da diese bizarre Tatsache, dass er ausgerechnet während des Nato-Bombardements von Jugoslawien im Jahr 1999 angeklagt wurde. Damals war alles, was man Milošević in Kroatien und Bosnien vorwarf, schon seit mindestens vier Jahren bekannt. Doch nach dem Friedensvertrag für Bosnien im Jahr 1995 haben einige westliche Politiker und Medien Milošević als Garanten der Stabilität auf dem Balkan beschrieben – nach allem, was in Vukovar, Sarajevo oder bei Srebrenica geschehen war. Erst, als endgültig klar war, dass die Staatengemeinschaft Milošević als eventuellen Verhandlungspartner nicht mehr benötigen würde, hat man ihn angeklagt. Wie wenig das Tribunal zur Versöhnung beitragen konnte, zeigt im Übrigen der Umstand, dass aus der Haft entlassene Kriegsverbrecher in ihrer Heimat jeweils wie Helden begrüßt wurden.

          Immerhin hinterlässt das Haager Tribunal ein Archiv mit Millionen von Dokumenten zu den jugoslawischen Kriegen, die künftigen Historikern nützlich sein werden.

          Dieses Archiv ist wohl die dauerhafteste Hinterlassenschaft des Tribunals. Es wird einst sehr nützlich sein, wenn es daran geht, die Geschehnisse der neunziger Jahre mit kühlerem Kopf zu bewerten. Die hiesigen Historiker nutzen das Archiv schon jetzt, und es kann eine wertvolle Quelle für künftige Bücher und Dokumentarfilme werden.

          Sie sind bosnischer Muslim, aber vor einigen Jahren nach Belgrad umgezogen. Haben Sie wegen ihres muslimischen Hintergrunds je Schwierigkeiten in Serbien gehabt?

          Nein. Probleme habe ich auch nicht erwartet, zumal ich durch meine Bücher und Artikel in Serbien schon bekannt war, als ich dorthin zog. Man darf nicht vergessen: Selbst in den schlimmsten Kriegszeiten, als nur hundert Kilometer westlich von Belgrad in Bosnien der Krieg mit seinen „ethnischen Säuberungen“ wütete, haben in Belgrad Zehntausende Bosnier muslimischer Abkunft friedlich leben können. Viele hatten herausgehobene Positionen im akademischen, künstlerischen oder wirtschaftlichen Leben Serbiens inne. Mehr als fünfzehn Jahre nach Kriegsende war für mich die Übersiedlung nach Belgrad eine Art privater Friedensakt. Es war aber eher wie der Umzug eines schweizerischen Schriftstellers aus Basel nach Berlin oder eines österreichischen Journalisten von Salzburg nach Frankfurt, weniger ein Statement. Ich bin einfach in die größte Stadt gezogen, in der man die Sprache spricht, in der ich schreibe.

          Noch immer dominieren Nationalisten die Debatten in Serbien. Wie kommen Sie damit zurecht?

          Trotz aller Schwierigkeiten ist es in Serbien leichter, nicht zum Mainstream zu gehören, als in Bosnien oder Kroatien. Man kann hier abweichende Meinungen äußern und wird immer Medien finden, die sie zu veröffentlichen bereit sind. Natürlich wird man dann von Boulevardmedien angegriffen, aber solche Polemiken sind an sich ja eine gute Sache. Das Klima in Serbien ist insgesamt offener als in Kroatien oder Bosnien. Nehmen wir allein das Alphabet: Serbien ist, soweit ich weiß, das einzige Land in Europa, in dem im öffentlichen Leben ganz selbstverständlich zwei Alphabete, das lateinische und das kyrillische, in der gleichen Sprache nebeneinander Verwendung finden. Von den vielen Dialekten, die mit den serbischen Flüchtlingen aus Bosnien, dem Kosovo und Kroatien in das Land gekommen sind, gar nicht zu reden. Diese Art von sanfter sprachlicher Anarchie, wenn am Kiosk Zeitungen in verschiedenen Alphabeten derselben Sprache ausliegen, gefällt mir.

          Eine der auf Kyrillisch erscheinenden Zeitungen ist „Politika“, ein Blatt, das den nationalistischen Diskurs in Serbien oft vorantreibt. Sie haben dort eine Kolumne. Warum?

          „Politika“ ist die älteste Tageszeitung des Balkans und trotz allem weiterhin das seriöseste Blatt in Serbien. Die Geschichte dieser Zeitung ist untrennbar mit der Geschichte Serbiens verbunden. Sie ist das Lackmuspapier für den Zustand dieses Landes. Zur Zeit Miloševićs waren sowohl Serbien als auch die „Politika“ in schlechtem Zustand. Nach Miloševićs Sturz erholte sich die Zeitung ebenso wie Serbien, wenn auch mit Rückschlägen. Obwohl die Zeitung unter ihrer neuen Leitung nach rechts gerückt ist, werden sowohl meine Texte als auch die anderer Autoren, die nicht ganz zur Linie der Herausgeber passen, unverändert veröffentlicht.

          Sind Serben, Kroaten, Bosniaken und Albaner verfeindete Völker, geeint durch ihren Mangel an Mitgefühl für das Leiden der anderen?

          Der Mangel an Empathie existiert tatsächlich auf allen Seiten. Was mich immer wieder verblüfft: Die meisten Opfer der jugoslawischen Kriege scheinen es natürlicher zu finden, sich mit den Tätern des eigenen als mit den Opfern des anderen Volkes zu identifizieren. Als wenn sie den Bruder im eigenen Volk leichter erkennen als den Bruder im Leiden.

          Die Fragen stellte Michael Martens.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.