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Schriftsteller Muharem Bazdulj : „Das Klima in Serbien ist offener als das in Kroatien oder Bosnien“

Warten auf das Urteil: Eine Frau schreibt in das Buch der Gedenkstätte für die Mordopfer von Prijedor in der Serbenrepublik in Bosnien und Herzegovina. Bild: AP

Nach der langen Arbeit des Haager Tribunals sind die früheren Kontrahenten sich über die Fakten des Krieges nahezu einig. Sie bewerten sie nur anders. Was sagt der bosnische Schriftsteller Muharem Bazdulj dazu?

          Das Haager Kriegsverbrechertribunal hat den früheren bosnisch-serbischen General Ratko Mladić zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Hat Sie das überrascht?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Nein. Nachdem mehrere Offiziere, die Mladićs Untergebene waren, bereits zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind, ebenso wie die damalige politische Führung der bosnischen Serben, etwa Radovan Karadžić und Biljana Plavšić, war dieses Urteil zu erwarten. Die Verbrechen, für die er für schuldig befunden wurde, verlangten nach einer schweren Strafe, und mildernde Umstände, etwa aufgrund seines Alters oder seiner schlechten Gesundheit, kamen schon deshalb nicht in Betracht, weil Mladić sich dem Tribunal jahrelang durch Flucht entzogen hat.

          Kann dieses Urteil Einfluss darauf haben, wie in der Region über die jüngste Vergangenheit debattiert wird?

          Für sich genommen nicht, aber zusammen mit anderen Tatsachen der Kriege der neunziger Jahre und als Bestandteil eines Mosaiks aus allen Urteilen des Haager Tribunals vielleicht schon. Es gibt zwischen den früheren Kriegsparteien heute kaum noch Meinungsverschiedenheiten über die Fakten – wohl aber über ihre Deutung. Keine maßgebliche politische Kraft im früheren Jugoslawien bestreitet heute, dass sich in Srebrenica im Juli 1995 schreckliche Verbrechen ereignet haben. Gestritten wird aber über die Klassifizierung dieses Verbrechens. In Belgrad und in der bosnischen Serbenrepublik vermeidet man es, im Zusammenhang mit Srebrenica von einem „Genozid“ zu sprechen, obwohl Serbiens Parlament diese Einordnung in einer Resolution vor einigen Jahren zumindest indirekt anerkannt hat. Auch der serbische Beschuss von Sarajevo während der Belagerung wird von niemandem bestritten – nur hört man von einigen die Rechtfertigung, dass schließlich aus der Stadt heraus auch Territorium unter serbischer Kontrolle beschossen worden sei, weshalb die getöteten Zivilisten als Kollateralschaden der Kämpfe zu werten seien. In Kroatien bestreitet fast niemand, dass die kroatische Armee 1995 bei der Rückeroberung serbisch besetzten Territoriums Verbrechen beging. Allerdings hört man in Zagreb oft, dass es sich nur um Einzelfälle handele, während man in Serbien sagt, die Vertreibung der Serben aus Kroatien sei das eigentliche Ziel der Kroaten gewesen. Bei Bosniens Muslimen, den Bosniaken, besteht ein Bewusstsein dafür, dass auch ihre Armee Verbrechen an Zivilisten begangen hat. Nur wird in Sarajevo behauptet, dass es sich dabei im Unterschied zu serbischen und kroatischen Verbrechen nicht um die Folge politischer Grundsatzentscheidungen handelte, sondern um isolierte Taten einzelner Einheiten.

          Das Kriegsverbrechertribunal schließt nun seine Pforten. Hat es seine Ziele erreicht?

          Immerhin wurden einige Verbrecher bestraft. Als das Tribunal 1993 geschaffen wurde, wurden manchmal Vergleiche zu den Nürnberger Prozessen angestellt, aber das führt aus mehreren Gründen in die Irre. Im früheren Jugoslawien hatten alle Kriegsparteien das Bedürfnis, die Kriege, die den Zerfall des Staates begleitet hatten, in ein archetypisches Bild von Gut und Böse zu überführen. In diesem Bild wurden dem Gegner jeweils die Eigenschaften des absolut Bösen zugeschrieben, wie es im 20. Jahrhundert durch den Nationalsozialismus verkörpert wurde. Deshalb bezeichneten Bosniaken und Kroaten die Serben als „Tschetniks“, also als Angehörige von Truppen, die im Zweiten Weltkrieg mit den Deutschen kollaboriert hatten. Umgekehrt bezeichneten Serben Kroaten als „Ustasche“, nach Hitlers kroatischem Juniorpartner auf dem Balkan. Bosniaken wiederum wurden von Kroaten und Serben als Angehörige der muslimischen SS-Division „Handzar“ gesehen.

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