https://www.faz.net/-gqz-941fb

Schriftsteller Muharem Bazdulj : „Das Klima in Serbien ist offener als das in Kroatien oder Bosnien“

Nein. Probleme habe ich auch nicht erwartet, zumal ich durch meine Bücher und Artikel in Serbien schon bekannt war, als ich dorthin zog. Man darf nicht vergessen: Selbst in den schlimmsten Kriegszeiten, als nur hundert Kilometer westlich von Belgrad in Bosnien der Krieg mit seinen „ethnischen Säuberungen“ wütete, haben in Belgrad Zehntausende Bosnier muslimischer Abkunft friedlich leben können. Viele hatten herausgehobene Positionen im akademischen, künstlerischen oder wirtschaftlichen Leben Serbiens inne. Mehr als fünfzehn Jahre nach Kriegsende war für mich die Übersiedlung nach Belgrad eine Art privater Friedensakt. Es war aber eher wie der Umzug eines schweizerischen Schriftstellers aus Basel nach Berlin oder eines österreichischen Journalisten von Salzburg nach Frankfurt, weniger ein Statement. Ich bin einfach in die größte Stadt gezogen, in der man die Sprache spricht, in der ich schreibe.

Noch immer dominieren Nationalisten die Debatten in Serbien. Wie kommen Sie damit zurecht?

Trotz aller Schwierigkeiten ist es in Serbien leichter, nicht zum Mainstream zu gehören, als in Bosnien oder Kroatien. Man kann hier abweichende Meinungen äußern und wird immer Medien finden, die sie zu veröffentlichen bereit sind. Natürlich wird man dann von Boulevardmedien angegriffen, aber solche Polemiken sind an sich ja eine gute Sache. Das Klima in Serbien ist insgesamt offener als in Kroatien oder Bosnien. Nehmen wir allein das Alphabet: Serbien ist, soweit ich weiß, das einzige Land in Europa, in dem im öffentlichen Leben ganz selbstverständlich zwei Alphabete, das lateinische und das kyrillische, in der gleichen Sprache nebeneinander Verwendung finden. Von den vielen Dialekten, die mit den serbischen Flüchtlingen aus Bosnien, dem Kosovo und Kroatien in das Land gekommen sind, gar nicht zu reden. Diese Art von sanfter sprachlicher Anarchie, wenn am Kiosk Zeitungen in verschiedenen Alphabeten derselben Sprache ausliegen, gefällt mir.

Eine der auf Kyrillisch erscheinenden Zeitungen ist „Politika“, ein Blatt, das den nationalistischen Diskurs in Serbien oft vorantreibt. Sie haben dort eine Kolumne. Warum?

„Politika“ ist die älteste Tageszeitung des Balkans und trotz allem weiterhin das seriöseste Blatt in Serbien. Die Geschichte dieser Zeitung ist untrennbar mit der Geschichte Serbiens verbunden. Sie ist das Lackmuspapier für den Zustand dieses Landes. Zur Zeit Miloševićs waren sowohl Serbien als auch die „Politika“ in schlechtem Zustand. Nach Miloševićs Sturz erholte sich die Zeitung ebenso wie Serbien, wenn auch mit Rückschlägen. Obwohl die Zeitung unter ihrer neuen Leitung nach rechts gerückt ist, werden sowohl meine Texte als auch die anderer Autoren, die nicht ganz zur Linie der Herausgeber passen, unverändert veröffentlicht.

Sind Serben, Kroaten, Bosniaken und Albaner verfeindete Völker, geeint durch ihren Mangel an Mitgefühl für das Leiden der anderen?

Der Mangel an Empathie existiert tatsächlich auf allen Seiten. Was mich immer wieder verblüfft: Die meisten Opfer der jugoslawischen Kriege scheinen es natürlicher zu finden, sich mit den Tätern des eigenen als mit den Opfern des anderen Volkes zu identifizieren. Als wenn sie den Bruder im eigenen Volk leichter erkennen als den Bruder im Leiden.

Die Fragen stellte Michael Martens.

Weitere Themen

Auch Ronaldo und Portugal dürfen zur EM

Sieg in Qualifikation : Auch Ronaldo und Portugal dürfen zur EM

Der Titelverteidiger löst das Ticket zur Fußball-EM. Portugal muss jedoch in Luxemburg hart kämpfen. 17 von 24 Teilnehmern der Endrunde stehen nun fest. Drei weitere kommen bald dazu, die letzten vier erst im Frühjahr.

Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

„The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

Das Leben, das sie nicht wollte

„Tatort“ aus Ludwigshafen : Das Leben, das sie nicht wollte

Im neuen „Tatort“ feiert Ulrike Folkerts dreißigjähriges Dienstjubiläum als Kommissarin Lena Odenthal. Es verschlägt sie in die Westpfalz, wo sie einen alten Bekannten trifft. Gut enden kann das nicht.

Topmeldungen

Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.