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Schriftsteller Muharem Bazdulj : „Das Klima in Serbien ist offener als das in Kroatien oder Bosnien“

Muharem Bazdulj, geboren 1977 im bosnischen Travnik, ist ein führender Schriftsteller im ehemaligen Jugoslawien. Er veröffentlichte fünfzehn belletristische Bücher. Sein jüngster Roman „Puppe aus Marzipan“, über das Leben der tschechischen Schauspielerin und Goebbels-Geliebten Lida Baarova, ist in Serbien ein Bestseller.

Niemand wollte verstehen, dass in Den Haag nicht eine Seite über die andere zu Gericht saß, sondern sozusagen eine höhere, neutrale Instanz über alle. Während in Nürnberg Sieger über Besiegte richteten, gab es im ehemaligen Jugoslawien keine absoluten Sieger und Verlierer. Die Serben haben die bosnische Serbenrepublik bekommen, aber aus weiten Teilen Kroatiens und halb Bosnien wurden sie vertrieben, auch aus für die serbische Kultur so wichtigen Städten wie Sarajevo oder Mostar. Vom Kosovo gar nicht zu reden. Die Kroaten bekamen ein praktisch monoethnisches Kroatien, aber in Bosnien erhielten sie anders als die Serben keine eigene Teilrepublik und wurden marginalisiert. Die Bosniaken hatten die meisten Opfer zu beklagen, haben sich als Volk aber emanzipiert und einen mehr schlecht als recht funktionierenden Staat bekommen, den sie allerdings nur zur Hälfte kontrollieren.

Manche erwarten vom Tribunal einen Beitrag zur Versöhnung – ist das realistisch?

Nein. Das war wohl auch nicht das Ziel des Gerichts, so etwas kann nicht Ziel eines Tribunals sein. Das Problem mit diesem Tribunal ist, dass es stets mehr eine politische als eine rechtliche Institution war. Ein Beispiel: Ohne die Solidität der Anklage gegen den damaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milošević in Zweifel ziehen zu wollen, gibt es da diese bizarre Tatsache, dass er ausgerechnet während des Nato-Bombardements von Jugoslawien im Jahr 1999 angeklagt wurde. Damals war alles, was man Milošević in Kroatien und Bosnien vorwarf, schon seit mindestens vier Jahren bekannt. Doch nach dem Friedensvertrag für Bosnien im Jahr 1995 haben einige westliche Politiker und Medien Milošević als Garanten der Stabilität auf dem Balkan beschrieben – nach allem, was in Vukovar, Sarajevo oder bei Srebrenica geschehen war. Erst, als endgültig klar war, dass die Staatengemeinschaft Milošević als eventuellen Verhandlungspartner nicht mehr benötigen würde, hat man ihn angeklagt. Wie wenig das Tribunal zur Versöhnung beitragen konnte, zeigt im Übrigen der Umstand, dass aus der Haft entlassene Kriegsverbrecher in ihrer Heimat jeweils wie Helden begrüßt wurden.

Immerhin hinterlässt das Haager Tribunal ein Archiv mit Millionen von Dokumenten zu den jugoslawischen Kriegen, die künftigen Historikern nützlich sein werden.

Dieses Archiv ist wohl die dauerhafteste Hinterlassenschaft des Tribunals. Es wird einst sehr nützlich sein, wenn es daran geht, die Geschehnisse der neunziger Jahre mit kühlerem Kopf zu bewerten. Die hiesigen Historiker nutzen das Archiv schon jetzt, und es kann eine wertvolle Quelle für künftige Bücher und Dokumentarfilme werden.

Sie sind bosnischer Muslim, aber vor einigen Jahren nach Belgrad umgezogen. Haben Sie wegen ihres muslimischen Hintergrunds je Schwierigkeiten in Serbien gehabt?

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