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Münchener Denkmaldebatte : Ein Stolperstein erzwingt nichts

Die Namen von Nazi-Opfern sollen nicht mit Füßen getreten werden, findet das Verwaltungsgericht München. Bild: dpa

Die Münchner Stadtgesellschaft ist tief gespalten in der Frage, wie ein würdiges Gedenken an deportierte Juden aussieht. Jetzt hat ein Gericht gesprochen.

          Über die „Stolpersteine“ stolpert man nicht. Die quadratischen Messingplatten, mit denen der Kölner Künstler Gunter Demnig an Opfer der nationalsozialistischen Völkermorde erinnert, werden bündig in den Straßenboden eingelassen, im Bürgersteig vor dem Haus, in dem der oder die Verschleppte oder in den Selbstmord Getriebene die letzte aus freien Stücken bezogene Wohnstätte hatte. Durch den Einbau eines Stolpersteins, eines Betonwürfels von zehn Zentimeter Seitenlänge, entsteht keine neue Straßenkante mitten auf dem Gehweg. In der Unauffälligkeit des einzelnen Steins, auf dem Name, Lebensdaten und Todesart eines einzelnen Opfers eingetragen sind, liegt die Überzeugungskraft von Demnigs Idee, die dazu geführt hat, dass bislang an die sechzigtausend Mal ein Stolperstein verlegt worden ist, längst nicht mehr nur in Deutschland. Dieses Monument ist alles andere als monumental.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Welche Hoffnungen sich an diese Formeigenheit von Demnigs Werk knüpfen, brachte vor dem Münchner Verwaltungsgericht am gestrigen Mittwoch Christof Eberstadt zum Ausdruck, der im Trottoir der Heßstraße in der Maxvorstadt, vor dem Haus Nr. 8, einen Stolperstein für seine Urgroßmutter versenken möchte. Für Eberstadt ist „der Aspekt der unaufdringlichen und stillen Mahnung“ das Wichtigste. „Wer will, kann stehenbleiben. Wer nicht will, geht eben weiter. Ein Stolperstein erzwingt nichts.“ Das Messingtäfelchen für Hermine Eberstadt, die im Alter von 89 Jahren am 23. Juni 1942 deportiert wurde und am 25. Dezember 1942 in Theresienstadt starb, ist schon gegossen und auf den Steinwürfel montiert. Die Familie Eberstadt darf den Stolperstein seinem Zweck nicht zuführen, weil die Stadt München die Verlegung von Stolpersteinen auf städtischem Grund verbietet.

          Die Ambivalenz des Stolpersteinverbotes

          Während der Verhandlung über die Klagen, die Eberstadt und zwei weitere Nachkommen von Holocaust-Opfern gegen die Stadt München erhoben haben, wurde diese durchgängig als Landeshauptstadt München bezeichnet. Von 1935 bis 1945 führte sie bekanntlich einen anderen amtlichen Titel. Übrigens heißt die Heßstraße natürlich nicht nach Rudolf Heß, dem seit 1919 in München wohnhaften Stellvertreter des „Führers“, sondern nach dem Zeichenprofessor Carl Ernst Heß. In der Reinigung der Straßennamen legt die Stadtverwaltung einen solchen Eifer an den Tag, dass sogar der lutherische Bischof Hans Meiser, Symbolfigur des kirchlichen Widerstands, zur Unperson gemacht wurde.

          Um die wöchentlichen Pegida-Märsche zu unterbinden, verfielen die städtischen Juristen darauf, die gesamte Innenstadt zum Gedenkort zu erklären, in dessen Umkreis der Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus Einschränkungen der Demonstrationsfreiheit gebiete. Derselbe Respekt führt aber nicht dazu, dass ein München-Besucher beim Spaziergang durch Schwabing sehen kann, aus welchen Häusern Juden abgeholt wurden. Im Gegenteil wird mit diesem Respekt der Verzicht auf Stolpersteine gerechtfertigt. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat mit ihrem Widerspruch bewirkt, dass der Stadtrat 2004 das Stolperstein-Verbot beschloss und nach einer neuerlichen öffentlichen Anhörung mit Beschluss vom 29. Juli 2015 bestätigte.

          Zu beiläufig für ein Denkmal

          Frau Knoblochs Einrede ist denkbar radikal: Sie erkennt in der Pflasterung mit Stolpersteinen eine Wiederholung nationalsozialistischer Demütigungsrituale, sieht die Namen der Opfer noch einmal in den Schmutz getreten. Wenn sie die Fotografien von Juden assoziiert, die gezwungen wurden, Gehsteige mit Zahnbürsten zu säubern, so kann man über eine solche Überlagerung des Kunstprojekts durch die Bilderinnerung schlecht streiten. Assoziationen dieser Art sind evident oder nicht, das muss jedermann für sich selbst sehen. Da mit Gründen und Gegengründen hier kaum weiterzukommen ist, hat sich ins Münchner Kulturbürgertum ein tiefer Spalt gegraben. Der ästhetische Einspruch von Frau Knobloch rückt auch die Motive von Demnig und dessen Unterstützern ins Zwielicht, und das hat in Kreisen, die das zivilgesellschaftliche Engagement für das städtische Gedenken wesentlich tragen, eine große Bitterkeit erzeugt.

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