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Münchner Persönlichkeiten : Ohne Doktor auf der Straße

Eine Frau fährt mit ihrem Fahrrad über eine verschneite Straße in München. Bild: dpa

Erika Fuchs und Hans-Jochen Vogel sollen in München mit Straßennamen geehrt werden. Verzichtet wird dabei auf eine Ehrenbezeigung, die sie zu Lebzeiten trugen: die Doktortitel. Eine Glosse.

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          Ehrt eure großen Männer! Dieses Wort eines ungenannten Dichters führt der Bürgermeister von Entenhausen im Mund, als er Spenden für ein Denkmal des Stadtgründers Emil Erpel sammelt. „Wen aber“, so die rhetorische Frage des standesgemäß redegewandten Ortspolitikers, „sollen wir mehr ehren als den Mann, der aus einer Wüstenei eine blühende Stadt gemacht hat?“ Doch wie glücklich kann eine Stadt bleiben, die ihre Blütezeit gleich nach der Besiedlung erlebt? Langsamer und nachhaltiger säten die Stadtoberhäupter von München.

          Jetzt wird im Stadtplan Hans-Jochen Vogel verewigt, der am 26. Juli 2020 verstorbene Oberbürgermeister der Jahre 1960 bis 1972: der Mann, der verhinderte, dass aus einer blühenden Stadt eine Wüstenei wurde, indem er das Planziel der Autogerechtigkeit verwarf. Während an Vogels sozialdemokratischen Vorgänger Thomas Wimmer ein Teilstück des Altstadtrings erinnert, wird in Hans-Jochen-Vogel-Platz nicht etwa eine innenstädtische Freifläche wie der Marienhof an der Nordseite des Rathauses umbenannt, den Zugereiste leicht mit dem Marienplatz an der Südseite des Rathauses verwechseln, sondern ein Fleckchen im Olympiapark. Vogels Witwe hat wissen lassen, dass diese Distanz zum Stadtzentrum ganz im Sinne des Verstorbenen sei. Das möchten wir unbedingt glauben.

          Nicht ganz so sicher sind wir, dass er mit dem Platznamen rundum zufrieden gewesen wäre. Es geht die Sage, dass er als Spitzenkandidat im Landtagswahlkampf 1974 die SPD-Plakate einstampfen ließ, weil ihr Slogan „Bayern braucht Vogel“ lautete statt „Bayern braucht Dr. Vogel“. Der Dr.-Hans-Jochen-Vogel-Platz hätte im Straßenverzeichnis seinen würdigen Platz eingenommen vor der Dr.-Walther-von-Miller-Straße, benannt nach dem Sohn und Biographen Oskar von Millers, des Gründers des Deutschen Museums, dem von der CSU gestellten Zweiten Bürgermeister der Jahre 1949 bis 1956.

          Ein ebenso fester Namensbestandteil im öffentlichen Personengedächtnis wie bei Dr. Vogel ist der Doktorgrad bei Erika Fuchs, der Donald-Duck-Übersetzerin. Im Impressum der „Micky Maus“ verbürgte der akademische Titel der Chefredakteurin, dass der Inhalt kein Schund war. Einen Erika-Fuchs-Weg wird der Münchner Stadtrat im Stadtbezirk Feldmoching-Hasenbergl ausweisen lassen. Ehrt eure großen Frauen! Erika Fuchs, die in Nymphenburg ihren Ruhestand verbrachte, hatte 1931 in München den Doktortitel erworben, mit einer Arbeit über den Stuckbildhauer Johann Michael Feichtmayr. Nach ihrem Doktorvater Wilhelm Pinder ist keine Straße benannt. Hingegen heißt nach dem Romanisten Karl Vossler, dem Rektor des Akademischen Jahres 1926/27, die winzige Vosslerstraße in Laim. Im Gespräch mit dem Zeithistoriker und Donaldisten Hans-Dieter Heilmann erinnerte sich Erika Fuchs noch Jahrzehnte später an Vosslers „unerhörte Vorlesungen“.

          Mit Vorliebe arbeitete sie in ihre Übersetzungen aus dem volkstümlichen Amerikanischen ihren Spott über den typisch deutschen Bildungsdünkel ein. Einen Professor ließ sie zu einem Kollegen über einen nichtuniversitären Konkurrenten sagen: „Der Mensch ist noch nicht einmal Akademiker.“ Es wohnen eher wenig Akademiker im Hasenbergl, und so ehrt Erika Fuchs das Straßenschild vollständig: München braucht Erika Fuchs, nicht Dr. Erika Fuchs. In dem Neubaugebiet, das jetzt noch eine Wüstenei ist, wird der Erika-Fuchs-Weg ein Zeichen dafür sein, dass der Spaß am Lesen auf jedem sozialen Boden die schönsten Sprachblüten treiben kann.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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